Sonntag, 31. August 2008

Gesellschaftliche Arbeitsteilung bedingt Bevölkerungsgröße und damit inklusive Fitneß

Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungsgröße und arbeitsteiliger Strukturierung einer Gesellschaft ist sehr komplex. Er ist aber noch nicht besonders gut erforscht. Die traditionellen Wirtschaftswissenschaften haben nach diesem Zusammenhang nie besonders konkret gefragt (außer in Ansätzen: Gerhard Mackenroth), denn für sie war ja das altruistische (auch ökonomische) Verhalten von Menschen nicht von „darwinischen Algorithmen“ bestimmt. Auch weniger von altruistischen Tendenzen, sondern eher von dem "Prinzip Eigennutz", Egoismus (nach Adam Smith). Warum sollten sich also die traditionellen Wirtschaftswissenschaften besonders konkret darum kümmern? Zwar wird seit Adam Smith „grob“ gesagt, der Grad der Arbeitsteilung und Spezialisierung wäre von der Größe des Marktes abhängig. Aber es bestand kein Anlaß, danach zu fragen, wie das arbeitsteilige Engagement des einzelnen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft sich ganz konkret auf die Größe und damit den Fortpflanzungserfolg und die inklusive Fitneß einer Bevölkerung aufwirkt.

Die darwinischen Wissenschaften, die naturalistische Blickrichtung geben hier Anlaß, viel genauer, viel konkreter hinzuschauen, die Dinge konsequent zu Ende zu denken. Und aus diesem Hinschauen und zu-Ende-Denken ergibt sich ein viel intensiveres Fragen nach vielen bislang oft ganz unbeachtet gebliebenen Zusammenhängen zwischen letztlich auch genetisch vorgegebenen Altruismus-Potentialen einer Gesellschaft und der mit ihnen in Wechselwirkung stehenden arbeitsteiligen Strukturierung dieser Gesellschaft.

Nach längerer Auseinandersetzung mit diesen Zusammenhängen und Wechselwirkungen wird klar, daß man ganz „basal“ anfangen muß. Daß man sozusagen anhand von "Modellorganismen“ auf einfacher Ebene zunächst das erforschen muß, was einen auch im größeren Rahmen interessiert. Hier bietet sich insbesondere die Ebene einfacher, traditioneller, oftmals weitgehend autarker Dorfökonomien an. Und hinsichtlich der Erforschung derselben gibt es schon zahlreiche recht gute Arbeiten und Ansätze. (Siehe die kleine Literaturliste am Ende: 1 – 11) Von Archäologen, Anthropologen und Demographen wird zum Beispiel schon sehr konkret und grundlegend nach „Energieflüssen in prähistorischen/historischen Siedlungen und Gemeinschaften“ gefragt. (4) Und in diesen Zusammenhängen wird dann etwa geäußert:

„Doch weiß wohl kein Naturwissenschaftler gegenwärtig, wie denn konkret eine ökosystemische Analyse des Gesamt der Existenzbedingungen z. B. einer Siedlung auszusehen hätte (geschweige denn einer Region etc.). Das elementare Verständnis dieser komplexen Strukturen hat gerade eben die ökologische Situation einer Familie in retrospektiver Bilanz erreicht bzw. kann prognostisch z. B. die Reaktivität eines heimischen Kalkbuchenwaldes beschreiben. Um wie vieles komplexer sind dagegen Situationen, die von individueller Willensfreiheit und innovativer Daseinsbewältigung geprägt sind, statt von instinktiven Lebensabläufen und passiven Reaktionsnormen. Aber es könnte sein, daß ökosystemische Determinanten basal auch für die hochkomplexen Situationen menschlicher Siedlungen und Gemeinschaften sind. Formen der Naturaneignung und Ressourcenausbeutung sind eine Seite, die des Ressourcenmanagements eine andere, welche schließlich über den ‚evolutiven Erfolg’ menschlicher Siedlungen und Gemeinschaften bestimmt haben bzw. bestimmen. Bewirtschaftung von Energie und daraus resultierende Energiebilanzen bestimmen ganz vordergründig die Wirtschaftlichkeit von Siedlungen und Gemeinschaften.“ (5, S. 220)

Und es wird dabei dargelegt, daß das Bevölkerungswachstum nicht allein oder sogar vorherrschend von dem jeweiligen Nahrungsspielraum bestimmt wird, wie man bei oberflächlicher Betrachtung zunächst vermuten sollte. Vielmehr wird dargelegt, daß eine

„allzu einseitige Konzentration auf den kalorischen Aspekt ... keinesfalls geeignet“ ist, „das Management dieser Energieflüsse zu beschreiben, d. h. die erforderlichen Steuerungsmechanismen, welche das jeweils günstigste Verhältnis zwischen Energieaufwand und Energienutzen herbeiführen.“

Zwei näher untersuchte Beispiele (Hochland-Bewohner der Anden, sowie Netsilik-Eskimos) lehren etwa,

„daß der kalorische Aspekt als Determinante von Bevölkerungsprozessen als Maßeinheit für das Energiemanagement früher Gemeinschaften ungeeignet sein kann oder vielmehr noch von den eigentlichen Restriktionen, denen die Bevölkerung begegnen muß, ablenken kann.

Im allgemeinen basieren die Schätzungen für die Tragekapazität früher Ökosysteme und die maximale Größe der darin lebensfähigen menschlichen Bevölkerungen auf der potentiellen Energiemenge, welche durch die natürlich verfügbare bzw. produzierte Biomasse bereitgestellt wird - in anderen Worten, es wird danach gefragt, wie viele Menschen an einem gegebenen Standort auch ‚satt werden’ können. Das Beispiel der Andenbevölkerung hat gezeigt, wie durch geschicktes Haushalten der Energie eine Balance mit einer vergleichsweise großen Sicherheitsmarge für die Population erzielt wird - und zwar aufgrund sozialer Mechanismen wie Arbeitsteilung und Handel.“ (7) (Hervorhebung nicht im Original.)

Kurz gesagt, heißt das also: Arbeitsteilung bedingt Bevölkerungsgröße. Jeder Mensch, der durch seine berufliche Spezialisierung dazu beiträgt, daß eine größere Populationsgröße irgendwo existieren kann, als ohne seine Spezialisierung, zu dessen inklusiver Fitneß - im Sinne des Hamilton’schen Verwandten-Altruismus - muß entsprechend des jeweils vorliegenden genetischen Verwandtschaftsgrades der Fortpflanzungserfolg jenes Bevölkerungsteiles hinzugerechnet werden, der nur allein durch die Spezialisierung dieses einen Spezialisten in einer bestimmten Region existieren kann.

Dies wird auch in anderen Untersuchungen deutlich (8): Die Beispiele der lebensfeindlicheren Lebensräume der Oase Fachi in der Sahara oder der Handelsstadt Avdat im Negev oder der Wikinger-Siedlungen auf Grönland lehren, wie Bevölkerungszahlen keineswegs (allein) von den vor Ort vorhandenen und verfügbaren (Nahrungs-)Ressourcen bestimmt werden, sondern von so sozialen Umständen, wie Handelsverbindungen und ähnlichem mehr. (vgl. auch 9)

„Die physiologischen Grundbedingungen ergeben einen äußeren Rahmen, den keine Bevölkerungsweise verlassen kann, aber sie determinieren die Bevölkerungsweise nicht. Dies tun vielmehr innerhalb jenes Rahmens soziale Daten, und zu diesen Daten gehören auch die ökonomischen Möglichkeiten und Gegebenheiten,“
schreibt dazu dementsprechend auch ein Mittelalter-Historiker. (10, S. 155) Und weiter:
„Hatte dem extensiven Wachstum der Nahrungsfläche im frühen Mittelalter ein extensives Wachstum der Bevölkerung bei gleichbleibender sozialer Organisation entsprochen, so könnte der Periode intensiven Wirtschaftswachstums mit ...“ quantitativen Erweiterungen der sekundären und tertiären „Sektoren des Wirtschaftslebens auch ein intensives Bevölkerungswachstum zugeordnet werden, eine etwa anderthalb Jahrhunderte dauernde Periode raschen Bevölkerungsaufschwunges, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auszulaufen begann.“ (10, S. 159, Hervorhebung nicht im Original)

Hier beruhte also die Bevölkerungszunahme, der zusätzlich darwinische Fortpflanzungserfolg darauf, daß Spezialisten neue berufliche Stellen schufen – für sich und andere. So daß neue Bedürfnisse was Nahrungsmittel, Sachgüter und Dienstleistungen betrifft, ja, was selbst Luxusgüter-Produktion betrifft, wenn sie durch Spezialisten befriedigt werden konnten, zur Bevölkerungszunahme beitrugen. Diese Bevölkerungszunahme ist darum auch der inklusiven Fitneß der Spezialisten jeweils entsprechend ihres demographischen Wirkungsgrades und Verwandtschaftsgrades zuzurechnen. Denn dem Engagement, den Fähigkeiten, dem commitment, der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme von Seiten arbeitsteilig sich einbringender Spezialisten (... auch von "Facharbeitern") ist das stabile Funktionieren der arbeitsteiligen Gesellschaft auf höherem Komplexitäts-Niveau insbesondere zu verdanken.

Diese Zusammenhänge gelten natürlich auch schon für die ersten arbeitsteiligen Gesellschaften mit ihren "ersten Tempeln" in der Südtürkei 11.000 v. Ztr.. Natürlich sind es immer auch religiöse Spezialisten, deren nachgefragte Dienstleistungen unter bestimmten Umständen einen bestimmten demographischen Wirkungsgrad entfalten, das heißt, deren Dienstleistungen größere Bevölkerungsgrößen aufrechterhalten, als ohne dieselben aufrecht erhalten würden. (Das ist ja auch die heute bevorzugte darwinische Hypothese zur Kinderlosigkeit von Priestern.)

Aber so wie der Priesterstand kann das Vorhandensein jedes beruflichen Spezialisten und seines altruistischen, nicht-"egalitären" Engagements in seinem Beruf erklärt werden anhand der demographischen Folgewirkungen, des demographischen Wirkungsgrades, den diese spezialisierte Tätigkeit mittel- und langfristig und im Durschnitt der Bevölkerung ausübt. *)

______________

1. Herrmann, Bernd (Hrsg.): Mensch und Umwelt im Mittelalter. Fischer TB, Frankfurt/M. 1989 (1. Aufl. 1986)
2. Herrmann, Bernd; Sprandel, Rolf (Hrsg.): Determinanten der Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter. Weinheim 1987
3. Herrmann, Bernd; Sprandel, Rolf (Hrsg.): Die Bevölkerungsentwicklung des europäischen Mittelalters. Das wirtschaftsgeographische und kulturelle Umfeld. In: Saeculum 39/1988, S. 105ff
4. Herrmann, Bernd (Hrsg.): Energieflüsse in prähistorischen/historischen Siedlungen und Gemeinschaften. In: Saeculum 42/1991, S. 217 - 348
5. Herrmann, Bernd: Einführung. In: siehe 4., S. 218 - 224
6. White, Leslie A.: Energy and the Evolution of Culture. American Anthropologist, 45/1943, S. 335 – 356
7. Grupe, Gisela: Das Management von Energieflüssen in menschlichen Nahrungsketten. In: siehe 4., S. 239 - 245
8. Remmert, Hermann: Energiebilanzen in kleinräumigen Siedlungsarealen. In: siehe 3., S. 110 - 118
9. Fuchs, Peter: Das Brot der Wüste. Sozio-ökonomie der Sahara-Kanuri von Fachi. Wiesbaden 1983
10. Pitz, Ernst: Ökonomische Determinanten der Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter. In: siehe 2., S. 155 - 171
11. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Berlin 1953

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*) Dieser Beitrag wurde zuerst als Kommentar auf "Natur des Glaubens" veröffentlich. Da er sehr grundlegend ist, wird er auch hier in die neu begründete Reihe (bzw. Rubrik) "Arbeitsteilige Gesellschaft und Verwandten-Altruismus" eingestellt - leicht überarbeitet. (Nochmals überarbeitet mit Einführung des Begriffes "demographischer Wirkungsgrad" am 4.8.2010.) Diese neue Rubrik bildet übrigens künftig das neue Schwerpunkt-Thema von "Studium generale".

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