Freitag, 22. August 2008

Ein Richard Dawkins der Antike

Der griechische Philosoph Diogenes von Oinanda

Die griechischen und hellenischen Städte der Antike waren Umschlagplätze nicht nur vielfältigster wirtschaftlicher Waren, sondern auch vielfältigster religiöser und philosophischer Gedankengänge, Schulen und Kulte. Heute erscheinen zahlreiche (leider nur deutsche) Presseberichte über neue Entdeckungen in der südwesttürkischen, schwer zugänglichen, antiken Ruinenstadt Oinoanda (auch Oenoanda), in der schon vor über hundert Jahren eine berühmte philosophische Inschrift des "Diogenes von Oinanda", gefunden worden ist (Wikipedia, Fotos). Dieser Philosoph wollte mit seiner teuren Inschrift in einer viel besuchten Wandelhalle an der Mauer der Stadt "Philosophie für alle" lehren, und zwar die Philosophie des Epikur. (Diese Philosophie wird ja auch noch von vielen atheistischen Mitgliedern der "Giordano Bruno-Stiftung" von heute favorisiert.) Und dieses Jahr fanden sich von dieser berühmten Inschrift 26 weitere Bruchstücke. Außerdem wurden auch noch andere Inschriften in dieser Stadtmauer entdeckt. Anlaß genug, sich diese Dinge einmal etwas genauer anzuschauen. Steffanie Reiffert berichtet im "Focus":
Der Weg in die Ruinenstadt Oinoanda in den lykischen Bergen im Südwesten der Türkei ist beschwerlich. Mit einem Esel geht es durch Dornenbüsche. Das nächste Dorf liegt 350 Meter Richtung Tal entfernt. „Dort gibt es aber nur ein Teehaus und ein Geschäft“, berichtet Jürgen Hammerstaedt. Der Philologe von der Universität Köln gehörte zu der Gruppe der internationalen Wissenschaftler, die dort unter der Leitung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), Abteilung Istanbul, nach neuen archäologisch wertvollen Fragmenten suchten.

Die Unzugänglichkeit des Ortes verhinderte, dass kostbare Steine der alten Stadt woanders verbaut wurden. So fanden sich hier drei der bekanntesten griechischen Inschriften der Antike. Die berühmteste unter ihnen ist die des Philosophen Diogenes von Oinoanda. (...) „Das Ganze muss auch sehr kostspielig gewesen sein.“ Das Werk war 60 bis 80 Meter breit und hatte eine Schrifthöhe von 3,60 Metern, glauben die Forscher. „Es gibt sonst keine philosophische Inschrift in diesem Umfang“, sagt der Experte.

Den Ort für seine Botschaft hatte der Philosoph sorgsam gewählt: Die Wandelhalle war ein beliebter Aufenthaltsort der Bürger. „So mit seiner Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen, hört sich ziemlich extravagant an“, sagt Hammerstaedt.
Ein Teilstück der Inschrift

Und was hatte dieser Diogenes seinen Mitbürgern nun zu sagen? Unglaublich modern hört es sich an:
Er lobte Platon zwar für seine Ansicht, dass die Welt aus dem Nichts erschaffen wurde, kritisierte aber das Einwirken eines gottähnlichen Wesens auf die Schöpfung. Nach der Lehre des Epikur waren dabei Kräfte der Natur am Werk.
Wahnsinn. Das hätte auch Richard Dawkins in unseren Tagen sagen können. - Wahnsinn!

Heidnischer Monotheismus?

Aber nicht nur Philosophie war Thema der Inschriften an dieser Stadtmauer. Und erstaunlicherweise legt Spektrumdirekt hinwiederum in seiner Meldung zu diesen neuen Forschungen den Schwerpunkt gar nicht auf Epikur, sondern auf den Monotheismus. Es seien in Oinoanda "Weiheinschriften" gefunden worden, "in denen ein 'Höchster Gott' angesprochen wird", heißt es dort - und weiter:
"Sie liefern wichtige Aufschlüsse über die Ausprägung des monotheistischen Kultes, der sich besonders vom 1. Jahrhundert n. Chr. bei den Heiden entwickelt hätte."
Das ist ja wieder ein ganz anderes Thema. Und auch nicht von "schlechten Eltern". - Monotheistische Kulte bei Heiden? -

Wer nun diesem Thema nachgeht, findet dazu im Netz manches. Aber noch nicht so recht so schnell wirklich Befriedigendes. Jedenfalls bekommt man mit, daß das gerade ein mehr oder weniger aktuelles Thema in der Wissenschaft zu sein scheint. Im Juli 2008 gab es zum Beispiel in Göttingen einen Vortrag zu dem Thema "Paganer und christlicher 'Monotheismus' in der Antike" (Uni-Goettingen.de) und im Juli 2006 gab es an der englischen Universität Exeter eine ganze Konferenz zum Thema "Pagan Monotheim in the Roman Empire (1st - 4th cent. AD)". (Huss.ex.ac.uk, Abstracts) Über die Ziele der letztgenannten Konferenz heißt es:
Pagan monotheism has been seen mainly as a philosophical and literary issue, very often in relationship to the rise of Christianity. Only more recently is has been argued that there were actual pagan monotheistic cults. This begs the question of religious and cultic nature of pagan monotheism, and how it is to be seen in the wider context of ancient religion. It also raises the issue of how we are to understand the relationship between ‘philosophical’ and ‘cultic’ monotheism.
Also, daß es mit dem Aufstieg des Christentums zu zahlreichen gegenseitigen Einwirkungen philosophischer und literarischer Art zwischen Heidentum und Christentum gekommen ist, wäre schon länger bekannt, nicht aber, daß es schon vor dem Aufkommen des Christentums sogar etwaige heidnische, monotheistische Kulte gegeben hätte. Der dortige Vortrag des Forschers A. Chaniotis scheint in den Kernbereich dieser neuen Erkenntnis vorzudringen, deshalb sei hier sein Abstract angeführt:
Recent scholarship has established that the development of the idea of a supreme divine power was not monopolised by the ancient monotheistic religions (Judaism, Christianity), but can be observed in pagan religion as well. This is indeed one of the most influential religious trends in late Hellenistic and Roman religion, a trend which culminated in Late Antiquity. Ample evidence for this trend has been found in literary sources, in particular in the writings of philosophically educated authors, but also in theosophical texts (H. ERBSE, Theosophorum Graecorum Fragmenta, Stuttgart-Leipzig, 1995), some of which are transmitted through inscriptions (e.g., the theosophical inscription of Oinoanda: SEG XXVII 933).

This trend is being described as “pagan monotheism” (or “soft” monotheism), but this term is somewhat misleading and inadequate to describe all the aspects of this phenomenon. The term “henotheism”, which derives from the acclamation heis theos, is more suitable, since it makes a sharp distinction between monotheism and pagan religions and derives from the contemporary acclamatory practice; but still, this term implies the existence of a single god (heis).

This study focuses on evidence for the aforementioned trends in the epigraphic sources and in particular on the evidence provided by divine epithets and attributes of praise (e.g., hagios, alethes, athanatos, apheustos, holou tou kosmou kyrios, heis, heis kai monos, etc.). In order to correctly understand these epithets, one needs to study the context of their performance (acclamations during festivals, e.g. SEG LI 613–631; Lucian, Alexander), but also their affinity with similar acclamations for athletes, benefactors, and cities (e.g. Perge). These epithets, studied against the parallel evidence of "secular" acclamations, reveal two essential features of the aforementioned religious trend: the competition among local cult centres and the expectation of divine assistance and divine punishment. A study of dedications, grave inscriptions, magical texts, hymns, aretalogies, narratives of miracles, and confession (or propitiatory) inscriptions may clarify the socio-political and religious concepts behind the worship not of a single god (heis kai monos theos: I. Delemen, Anatolian Rider-Gods. A Study on Stone Finds from the Regions of Lycia, Pisidia, Isauria, Lycaonia, Phrygia, Lydia and Caria in the Late Roman Period, Bonn 1999, no. 362), but of a megas theos, a truly powerful god, whose power is not only stronger than that of other divinities, but also manifest through miracles and through the protection offered to worshippers. This religious trend was strongly influenced by the interdependence of religious beliefs in the market of religions in the Roman East, and by concepts of political power (monarchy). In light of this evidence, I suggest introducing the term “megatheism”, which best reflects the contemporary usage (the acclamation “megas theos”).
Leider gelingt es nicht leicht, im Netz noch mehr konkret Erläuterndes über die monotheistischen Kulte zu erfahren, über die in Spektrumdirekt berichtet wird. Dazu müßte man wohl Fachliteratur konsultieren oder Fachleute befragen.

Vielfältige heidnische Ursprünge des Christentums

Aber es findet sich auch eine gut gestaltete, allgemeinere Netz-Seite unter dem Titel "Pagan Origins of the Christian Myths", auf der viele detaillierte heidnische Ursprünge christlichen Gedankengutes aufgezeigt werden, zum Beispiel dieser Art:

Das ist schon recht eindrucksvoll und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Christentum letztlich nur eine neue Zusammenstellung von älteren religiösen Vorstellungen und Kulten darstellt, also ebenfalls eine "Baukasten-Religion" des damaligen "New Age"-Zeitalters.

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