Mittwoch, 11. Juni 2008

Statt "getrennter Magisteria" - Naturwissenschaft und Philosophie vom Feinsten

Da ich an meiner Amazon-Rezension des neu ins Deutsche übersetzten Buches von Conway Morris einigermaßen lang herumgebastelt habe, stelle ich sie auch hier - bebildert - in den Blog:

Viele Biologen und Geisteswissenschaftler wissen noch heute nur TEILHARD DE CHARDIN zu nennen, wenn es um Persönlichkeiten geht, die die philosophische These von der Zielgerichtetheit der Evolution vertreten. Sie sollten ihr Wissen möglichst bald aktualisieren und sich mit diesem Buch von Simon Conway Morris (siehe Bild) möglichst gründlich auseinandersetzen. Die deutsche Übersetzung erleichtert das nun - dankenswerterweise. Denn Teilhard de Chardin hat seine These nun wirklich nicht ausgeprägt "fachwissenschaftlich" und ausgeprägt anhand von fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur vertreten. - Ganz im Gegensatz zu - Conway Morris!

Die Kernthese dieses neuen Buches kommt im originalen, englischen Untertitel am deutlichsten zum Ausdruck: "Inevitable humans in a lonely universe". (Warum wurde es für die deutsche Ausgabe nicht wörtlich übersetzt? Dann wüßte auch der deutsche Leser gleich besser, worum es eigentlich geht.)

Simon Conway Morris

Es handelt sich - für philosophisch ungebildete Menschen, die alles, was über Naturwissenschaft hinausgeht, leicht zu Kreationismus erklären, sei das betont - zunächst einmal mehr um das Erschließen philosophischer denn um das Erschließen rein naturwissenschaftlicher Erkenntnispotentiale. Aber das Buch kann auch aus rein naturwissenschaftlicher Sicht auf viele, neu zu erschließende, rein naturwissenschaftliche Erkenntnispotentiale aufmerksam machen.

Beiderlei Arten von Erkenntnispotentialen liegen in der Fülle der evolutionärer Konvergenzen, die Conway Morris erstmals auf allen Ebenen des biologischen Seins - von den Molekülen bis zu arbeitsteiligen Tier- und Menschen-Gesellschaften - in der Evolution aufgezeigt. Und zwar in der Fülle, in der sie bis zum Jahr 2003 erforscht worden sind. Das ist ein ganz anderer Stand als - etwa - der Stand von 1960.

Das Buch ist darum zweierlei. Es ist zum einen EIN PHILOSOPHISCHES BUCH nur allein mit naturwissenschaftlichen Tatsachen geschrieben. Möglicherweise ein Novum in der menschlichen Geistesgeschichte überhaupt. Denn es geschah dies entlang einer unglaublich reichhaltigen, wie gesagt aktuellen, naturwissenschaftlichen Forschungsliteratur (allein hundert Seiten Literatur-Angaben).

Zum anderen kann es auch als REIN NATURWISSENSCHAFTLICHES BUCH gelesen werden, weil es erstmals den Blick umfassender auf die schlichte biologische Tatsache des vielfältigen Vorkommens evolutionärer Konvergenzen lenkt, und damit auf die Frage nach ihren biologischen Ursachen und nach ihren Erkenntnispotentialen bezüglich der evolutionären Entstehungsbedingungen der jeweils hier konvergent evoluierten Eigenschaften.

Allerdings zählt Conway Morris evolutionäre Konvergenzen nur auf, wirft sie dem Leser fast "ungeordnet" vor die Füße. Das heißt, er gibt selbst noch keinen umfassenderen Vorschlag zu einer Theorie evolutionärer Konvergenzen. Das dürfte sich als einer der berechtigteren Haupteinwände gegen dieses Buch herausstellen.

Aber das Verdienst von Conway Morris bleibt auch so schon riesig, da er ein ganz neues Forschungsgebiet erschlossen hat. Es handelt sich allein aufgrund der umfassenden Sichtung der Forschungsliteratur um ein sehr anspruchsvoll zu lesendes Buch, das nicht schnell "durchflogen" werden kann. Es liest sich also nicht so "obenhin" wie ein Teilhard des Chardin. Sondern man muß es sich erarbeiten. Es muß mit hoher Konzentration gelesen werden. Aber angesichts des Revolutionären der vertretenen (philosophischen) These dürfte sich der Aufwand lohnen.

(Die deutsche Übersetzung scheint zwar hervorragend zu sein. Leider sind aber einige vordere, grundlegendere Kapitel nicht übersetzt worden, wodurch beim deutschen Leser ein falscher Eindruck entstehen könnte. Davor sei gewarnt, denn diese Kapitel sind grundlegend für die Überzeugungskraft der in diesem Buch insgesamt vertretenen philosophischen und naturwissenschaftlichen These.)

Nun noch einige, vielleicht weniger wichtigen Zusatzbemerkungen:

1. RICHARD DAWKINS hat das Buch sehr positiv besprochen. Das sei insbesondere deshalb betont, weil Conway Morris von atheistischen Biologen oft angegriffen wird (bspw. von PZ Myers). Es geschah dies in Dawkins' ebenfalls sehr lesenwertem Buch "Ancestor's Tale", das im Oktober auf deutsch erscheinen wird (unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens"). Dort im letzten Kapitel.

2. Es empfiehlt sich, das Buch von Conway Morris zusammen zu lesen mit den Büchern "Einsame Erde" ("Rare Earth") von PETER WARD und DONALD BROWNLEE, sowie "The Priviledged Planet" von dem amerikanischen Astrophysiker GUILLERMO GONZALEZ. Beide Bücher führen die Thesen von Conway Morris auf anderen Gebieten in zum Teil ganz erstaunlicher Weise weiter.

Guillermo Gonzalez

3. Auch empfiehlt es sich, "The Crucible of Creation" von Conway Morris, das dem hier besprochenen Buch voraufging, zu lesen, weil man in ihm die Entstehung der neuen These von Conway Morris verfolgen kann.
4. Es geschah dies in Auseinandersetzung mit dem bekannten Werk von STEPHEN JAY GOULD "Zufall Mensch", das wiederum zuvor in Auseinandersetzung mit den neuen Forschungen des Paläontologen Conway Morris über die Tierwelt des Präkambrium entstanden war.

Die neue These entstand also, das sollte damit aufgezeigt werden, keineswegs im "luftleeren Raum" oder ist in einem solchen angesiedelt, sondern entstand - vielleicht ebenfalls früher oder später "unvermeidlich", mit "Notwendigkeit" - aus tief in der Sache gegründeten fachwissenschaftlichen Diskussionen heraus.

Viele, vielleicht sogar die meisten Natur- und Geisteswissenschaftler haben noch gar nicht verstanden, daß man grundlegendste philosophische Themen, die das menschliche Selbstverständnis an sich betreffen, allein anhand von naturwissenschaftlichen Tatsachen behandeln kann, OHNE damit in unseriösen Theologie-geleiteten "Kreationismus" zu verfallen. Man wird vielleicht demgegenüber das gewohnte, rein geisteswissenschaftliche Behandeln von philosophischen Themen künftig als ebenso unseriös beurteilen wie heute schon den Theologie-geleiteten Kreationismus.

Die vielen Menschen jedenfalls heute immer noch so liebenswert erscheinende Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (in zwei separate "Magisteria") wird einmal weniger künftig aufrechtzuerhalten sein. Hierin liegt das eigentlich Revolutionäre auch dieses neuen Buches.

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