Dienstag, 17. Juni 2008

Kein "reiches Westend" - Zur Wohnkultur in den antiken Städten

Die Anordnung der Wohnungen von Sklaven, Freigelassenen und Reichen in Pompeji und Rom ist so eng aufeinander bezogen gewesen, dass die Handwerker, Kleinhändler und Kleinläden-Inhaber von Pompeji zumeist in den gleichen Häusern wohnten, in denen auch die berühmtesten Römer lebten. Diese Feststellung hat die Archäologen in den letzten Jahrzehnten ziemlich verwirrt, nämlich sich den berühmten, ehrwürdigen römischen Feldherrn Scipio oder andere in unmittelbarer Wohnnachbarschaft vorzustellen von Fleischern, Schustern und so vielen anderen Angehörigen der Plebs.

Man hat in Rom viel gesucht aber kein separates "Viertel der Reichen" feststellen können - ebenso wenig in Pompeji.

Offenbar ist die wohnrämliche Trennung von Handwerker- und Arbeiterwohnvierteln einerseits und den Wohnvierteln der "Reichen" und "Wohlhabenden" andererseits erst mit dem Mittelalter und der Neuzeit, besonders im 19. Jahrhundert, in den europäischen Städten stärker ausgeprägt worden. Offenbar haben die Römer - und sicherlich auch die Griechen - in den Städten da ganz anders zusammen gelebt und haben damit auch zwangsläufig die sozialen Unterschiede in ihrer Gesellschaft ganz anders wahrgenommen.

Auch die kleinen Wohnungen der Plebs in Pompeji und Rom sind beispielsweise nach dem gegebenen Rahmen kunstvoll ausgestattet, wenn möglich mit einem kleinen, kunstvollen Garten - und "Illusions-Malerei" an den Wänden - nicht nur die Wohnungen der reichen Patrizier.

"Sich und den Seinen"

In der "FAZ" findet sich nun ein informativer Artikel von Dieter Bartetzko über viele hunderte von Grabfunden aus der römischen Antike, der den eben geschilderten Eindruck von der engen wohnlichen Nachbarschaft aller Sozialschichten in der Antike noch verstärkt.

Bartetzko berichtet nämlich zunächst, wie Arm und Reich bei den hunderten von erforschten Katastrophen-Opfern von Pompeji kaum räumlich oder im Verhalten zu unterscheiden gewesen sind, da sie überall gemischt aufgefunden worden waren und sich in der Katastrophe ähnlich verhalten haben, ihre Kinder ähnlich mit dem eigenen Körper geschützt haben usw.. Und dann berichtet er weiter über die schon in Zeiten vor der Katastrophe angelegten Friedhöfe von Pompeji - und das ist mir komplett neu:

Dort finden sich zwar keine Gebeine, da im ersten Jahrhundert nach Christus noch die Brandbestattung überwog. Doch die Grabmonumente der Wohlhabenden, die der Archäologe Valentin Kockel in den achtziger Jahren eingehend untersucht hat, erzählen indirekt auch vom Leben der Unterschicht. So klangvoll die Ehrentitel und die Lebensläufe der Reichen sich auf diesen Grabmälern auch lesen - fast alle enden mit der Standardformel "sibi et suis". Wer "sich und den Seinen" ein Grabmal baute, bezog das Gesinde, Diener und Sklaven, mit ein.

Deren Asche wurde zwar nicht, wie die ihrer Herrschaft, in kostbaren Glasurnen und bemalten Vasen beigesetzt, sondern in billigen Tongefäßen. Auch die Porträtbüsten oder -statuen blieben den Reichen vorbehalten. Doch die rings um den Grabaufbau des Dominus und der Domina angelegten Gräber der zur "familias" zählenden Untergebenen wurden mit steinernen Stelen markiert, die häufig die Konturen eines - allerdings gesichtlosen - Kopfes und der Schultern nachzeichnen.

Wenn ich es also recht verstehe, muß man sich das Zusammenleben der reichen und freien mit den armen und unfreien Menschen in den antiken Städten als noch enger miteinander verschränkt vorstellen, als man das aus neuzeitlicher Sicht gewohnt ist.

In ähnlicher Weise wird man sich sicherlich auch das Zusammenleben von Freien und Sklaven außerhalb der Grenzen des römischen Reiches vorstellen müssen, dürfen etwa im keltischen und germanischen Bereich.

Die wohnräumliche Trennung in Arme und Reiche, wie sie wohl schon in den mittelalterlichen Städten, z.T. sogar in den Dörfern auftritt, wird also erst mit der christlichen Zeit in dieser Ausgeprägtheit üblich geworden sein in Europa.

Möglicherweise ist das ein Sachverhalt, aus dem sich mancherlei Schlußfolgerungen ziehen lassen, wie es ja immer ist, wenn man feststellt, daß man aus seiner eigenen Gegenwart unbewußt falsche Schlüsse auf eine ferne Vergangenheit gezogen hatte.

Übrigens erfährt man auch, daß das Grab Alexanders des Großen, wie Bartetzko berichtet, heute immer noch gesucht wird, seit etwa 400 n. Ztr., ...

... als in Alexandria niemand mehr den Sema kannte, den prunkvollen Grabbezirk der Ptolemäer, wo die Mumie Alexanders in einem Glas- oder Alabastersarkophag beigesetzt worden sein soll.

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