Dienstag, 8. April 2008

Von der Religiosität eigenverantwortlichen Handelns

- ein paar frei schweifende Gedanken

Eigenverantwortlichkeit ist dadurch gekennzeichnet, daß man auch gegen Widerstände, auch gegen Mehrheitsmeinungen, auch gegen den Zeitgeist an dem festhält, was man für wahr und richtig hält. Diese Selbstbehauptung des eigenen Lebensprinzips in einer Umwelt, die anderen Lebensprinzipien folgt, (und ohne sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen wie etwa Heinrich von Kleist im Jahr 1811), eine solche Selbstbehauptung könnte als eine der bedeutendsten Bewährungen erachtet werden, die wir im menschlichen Leben und in der Kulturgeschichte überhaupt kennen.

Alle großen Persönlichkeiten der Kulturgeschichte und oft auch der politischen Geschichte waren in der einen oder anderen Weise vor diese "Bewährung" gestellt. Und darin wird oft - oder zumeist - ihre eigentliche Bewährung gesehen, daß sie Wege gingen, die zuvor niemand gegangen war, daß sie die ersten waren, die in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Technik, in der Politik neue "Erfindungen" machten, Prinzipien als "Avantgarde" gegenüber einer trägen Masse, die am Alten hing und bei demselben verharrte, geltend machte.

Dieses Tun, nämlich zwischen sich selbst und der großen Menge der Menschen einen "Unterschied" zu machen, zu etablieren, aufrecht zu erhalten, zu leben, diese "Spezialisierung" fordert oft große psychische Anstrengung und Überwindung. Der einzelne trifft "einsame" Entscheidungen, er stellt sich in Widerspruch oft sogar zu seinen nächsten Freunden.

Gerade deshalb auch wird der Weg dieser Einsamen, Seltenen oft zu einer "Gratwanderung", weil ihnen eben die schlafwandlerische Sicherheit verloren geht - oder verloren gehen kann - die darin besteht, daß man Rückhalt, Zustimmung, Anerkennung, Aufmunterung bei seinen Freunden und "Geistesverwandten" oder in einer Liebesbeziehung findet. Wer diesen Rückhalt nicht hat, muß ihn einzig und allein in sich selbst finden, in seinem eigenen Lebensprinzip. Oft gelingt es dem einzelnen, diesen Rückhalt in der Kunst, in der Natur zu finden. Oder allgemeiner: Im eigenen Gestalten, Zum-Ausdruck-Bringen des neuen oder selten gelebten Lebensprinzips.

Um so größer die Neigung ist, die ja vielleicht sogar "Begabung" genannt werden kann, sich an andere, an die Umgebung anzupassen, sich an andere anzuschließen, ein "verträglicher" Mitmensch und Zeitgenosse (resp. "Schwiegersohn") zu sein, um so größer sind oft die Gefahren für den einzelnen, wenn er plötzlich nicht mehr dem Lebensprinzip aller folgt. Um so größer aber sind möglicherweise auch die Gewinne des einzelnen, wenn es ihm gelingt, diese Gefahren längerfristig zu überwinden.

Denn diese Menschen sind die großen "Hoffnungsblüten" der Menschheit, sie sind vielleicht überhaupt Rechtfertigung dafür, daß es Menschen gibt. Sie leben jenes Menschentum, jene wahre Humanität, Weisheit, Güte, die zu gewissen Zeiten vielleicht nur den Seltenen zu leben gegeben und aufgegeben ist.

Oder sollten etwa Meier, Müller, Schulze, respektive Otto "Normalbürger" Rechtfertigung dafür sein, daß sich die Evolution die Mühe gegeben hat, Menschen hervorzubringen?

Willig nehmen sie, die Genialen, die Seltenen ihre Aufgabe auf die Schulter. Aber für wen tun sie es? Um der Müllers, Meiers oder Schulzes wegen, die fast durch jede Tat, durch jeden Gedanken das Göttliche, die Vollkommenheit, Güte, Weisheit leugnen, zu denen Menschen der Möglichkeit nach vielleicht fähig sein könnten? Um ihnen, ausgerechnet ihnen zu "helfen"?

Nein, sie tun es nicht um ihretwillen. Sie tun es um des Göttlichen selbst willen. "Auf daß das Gute in der Welt sei," wie Marie von Ebner-Eschenbach sagt. Es gibt Zeiten in der Menschheitsgeschichte, da hat sich die Menschheit so sehr von dem Göttlichen entfernt, entfremdet, daß sie, die Seltenen, wirklich keinen anderen Grund mehr nennen können.

Vom Heroenkult, Geniekult, vom Kult des Menschen, der nach Vollkommenheit strebt

In Zeiten des klassischen Athens mag vielleicht mancher helle Jüngling gesagt haben: Ich interessiere mich für das Edle, für die Wahrheit, für das Schöne um des Aufleuchtens in den Augen meines Freundes willen, um das zu sehen, um diesen Zusammenklang der Seelen zu erleben. Denn er interessiert sich für das gleiche. Aber wie sollte das heute einer der "Seltenen", genialeren Menschen sagen? Leben wir heute nicht alle wie auf "getrenntesten Bergen", wie Hölderlin sagt? Voller greller, schreiender Mißverständisse, voller Verständnislosigkeiten zwischen Menschen? Ist nicht das Heiligste und Frömmste in den Dreck getreten? Einer Meute zähnefletschender Hunde vor die Fänge geworfen worden?

Bordet unser quasi- und pseudo-"kulturelles" Leben nicht über von sich dreimal im Flickflack überschlagenden Frivolitäten, Frechheiten, Zynismen, Bigotterien, Aftergläubigkeiten? Von der frivolen Zurschaustellung alles menschlich Heiligen, Intimen, Geheimen, Persönlichen?

Haben wir uns nicht alle selbst so mit dem Kopf in die Erde gerammt, wie es das neue Giordano Bruno-Denkmal in Berlin-Mitte implizit von unserem Umgang mit dem Andenken großer Menschen überhaupt behauptet? Und zwar mehr als treffsicher behauptet? (Siehe Beitrag vorigen Monat.) Wir sind lieber dreimal dumm und doof, banal und "stocknüchtern", als einmal genial. Wir stecken lieber dreimal den Kopf in den Sand, wir rammen ihn hinein, mit zappelnden Beinen zum Himmel hinauf, als auch nur einmal den Versuch zu wagen, das Menschsein menschlich zu gestalten.

"Von den heroischen Leidenschaften". So lautet eine Gedichtsammlung von Giordano Bruno, in der er das heroische Leben desjenigen feiert und besingt, der sein Leben um tiefer menschlicher Werte willen opfert.

Aber wir? Nichts von alledem. - Lacht man denn heute nicht über Bosheiten genauso wie über etwaig Gegenteiliges? Gibt es noch einen Bereich, der nicht mit Spott und Häme, nicht mit der ätzendsten Säure des Zynismus oder doch zumindest des schrecklichsten Verdachts überschüttet wurde? "Warum lacht ihr so?" fragte Hölderlin. "Oh, ihr müßt," ging es ihm dann plötzlich durch den Sinn: "denn dies tun Verzweifelte nur."

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