Freitag, 4. Januar 2008

Ohne Gruppenselektion kann menschliche Religiosität nicht erklärt werden

Eine unglaublich spannende und niveauvolle Diskussion zur Evolution der menschlichen Religiosität hat Religionswissenschaftler Michael Blume auf dem neuen Wissenschaftsblog "Abgefischt" von Lars Fischer bei "Spektrum der Wissenschaft" angestoßen mit inzwischen über hundert Kommentaren, insbesondere auch von Buchautor Edgar Dahl. Mein heutiger Kommentar dort nach Durchlesen der Diskussionsbeiträge:
Herr Dahl, Sie sprechen ganz richtig (mit Dawkins, Einstein etc.) vom menschlichen Staunen, von der menschlichen Ehrfurcht, dem menschlichen Schönheitserleben, dem kausalen Denken als dem (oder einem) Ursprung aller Religion.

Es tritt aber nun etwas hinzu, was Religiöse und Atheisten zumindest oft graduell unterscheidet: Dem Religiösen (auch etwa einem Hans Jonas) ist das Staunenswerte dieser Welt Verpflichtung, Verantwortung. Er leitet aus diesem Staunen Normen des Handelns ab. Auch der Mitmensch ist ihm eine staunenswerte, einzigartige Erscheinung. Und der Religiöse möchte, daß die mitmenschlichen Beziehungen human gestaltet sind. Zumal auch die familiären. Auch dazu leitet er Handelsnormen ab, die er als im Einklang stehend glaubt mit seinem Gefühl des Staunens und der Ehrfurcht vor der Schöpfung (der Evolution) und allen einzigartigen Erscheinungen, die sie hervorgebracht hat - mitsamt der von mir geliebten Mitmenschen.

Nun gehen Religiöse und fundamentalistisch Religiöse in diesen Dingen halt schrittweise immer weiter. Und da fängt bei uns Modernen oft erst das Zaudern an: Kann, darf man so handeln, als ob es nur einen "alleinseligmachenden" Gott gäbe? Wir sagen zumeist: nein. Usw..

Der fundamentaltistische Atheist befürwortet heute meistens einen "verantwortungsvollen Hedonismus". Ist das eine Moral, die der Ehrfurcht vor diesem Universum und allen Werten, die in ihm enthalten sind, allen Werten, die in unserer abendlänlischen Kultur enthalten sind, schon vollständig gerecht wird? Vielleicht hat der moderne Mensch über all diese Fragen einfach noch nicht genügend nachgedacht, philosophiert?

Vielleicht fehlt uns heute einfach in solchen Fragen der gesellschaftliche Konsens, den die traditionell überkommenen Religionsgemeinschaften auch erst in langwierigen schwierigen "Gruppenselektions-Prozessen" herausgebildet haben, wie Michael ja auch gut darstellt (29.12.2007 | 09:04)? Vielleicht stehen wir heute in einem ähnlichen Gruppenselektion-Prozess wie die ersten Christen, wie die ersten Moslems, die ersten Juden? (Und noch einmal jeweils geographisch unterschieden etc..) Und viele von uns werden - wie damals - vergleichsweise wenige Nachkommen haben, andere mehr?

Vielleicht wird heute wie damals dieser Selektionsprozess auch durch die jeweiligen Kinderzahlen der jeweiligen "Weltanschauungs-Anhänger" entschieden?

Ich glaube tatsächlich, daß es so ist. Evolution ist nicht etwas, was einmal geschehen ist, wie wir immer mehr aus der derzeitigen Humangenom-Forschung lernen. Evolution findet statt. Hier und heute. Unsere Kontroversen gerade auch über solche Themen sind ein Teil derselben. Sie beeinflussen Reproduktions-Entscheidungen oder auch (familien-)politische Entscheidungen. Weltbilder entscheiden solchen Entscheidungen.

Ohne Berücksichtigung von Gruppenselektion wird man die Evolution der Religiosität nicht verstehen können. Der Mensch ist nicht nur ein atomisiertes Wesen, er ist - auch heute merken wir das ja wieder immer mehr - ein tief sozial strukturiertes, verankertes Wesen, er ist ein Gemeinschaftswesen - von Geburt an. Glück findet der Mensch in Gemeinschaft mit anderen Menschen wie fast nirgends sonst.

Viele ganz entscheidende Dinge werden letztlich auf der Ebene von Gruppen (oder Nationen) entschieden, nicht auf der Ebene des Individuums. Das merken wir heute auf dem Gebiet der Familienpolitik fast jeder selbst an der persönlichen Lebenssituation während der Familiengründung oder in den Altersjahren.

Natürlich steht übrigens auch die in der griechischen Antike, Herr Dahl (01.01.2008 | 11:07), gelebte gesellschaftliche Moral im Einklang mit den vorherrschenden religiösen und philosophischen Vorstellungen. Sokrates, Platon usw. waren auch - oder sogar vor allem - Ethiker. Hätte man diesen Zusammenhang nicht gesehen, hätte man Sokrates nicht gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken. Und auch Sokrates hätte ihn nicht getrunken, wenn ihm dieser Zusammenhang nicht wichtig gewesen wäre. (Er hätte ja fliehen können, sich der Verantwortung entziehen können ...)

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