Sonntag, 13. Januar 2008

Einsamkeit hat medizinische Folgen

Es ist seit längerem bekannt, daß der Verlust von menschlichen Beziehungen oder ihr Nichtvorhandensein zum Teil drastische medizinische Folgen hat oder haben kann. Auch Folgen, die mit der Finanzierung des Gesundheits-Systems in Zusammenhang stehen. Das heißt: Wer den sozialen Kontakt zwischen Menschen fördert, engere, festere soziale Beziehungen tut zugleich etwas für die Gesundheit der Menschen. Vielleicht mehr als so mancher rein technische Fortschritt in der Medizin. Darauf macht neuerlich ein kurzer Beitrag in der "Frankfurter Rundschau" aufmerksam:
Diagnose Einsamkeit
Von Dr. med. Bernd Hontschik

Krankheiten tragen oft Namen, die an Ärzte erinnern, die wichtige Entdeckungen gemacht haben. Oft sind es Nobelpreisträger. So kennt jeder Arzt den Morbus Crohn, die Virchow'sche Trias oder die Einteilung von Art und Schweregrad der Herzrhythmusstörungen nach Lown. Sie sind nach dem Nobelpreisträger Bernard Lown benannt, einem der berühmtesten Kardiologen der Welt.

Sein größter Beitrag zur Heilkunde ist der Defibrillator, ohne den kaum eine Herzoperation, keine Wiederbelebung gelingen könnte. Jeder kennt dieses Gerät: Keine Arztserie ohne den dramatischen Elektroschock. Der Defibrillator hängt heute an jedem größeren Bahnhof oder Flughafen so selbstverständlich an der Wand wie Telefonapparate oder Feuerlöscher. Erstaunlicherweise hat Bernard Lown aber nicht den Nobelpreis für Medizin erhalten, sondern den Friedensnobelpreis. Die Ehrung galt der von ihm mit Evgenij Chazov gegründeten IPPNW, einer Ärzteorganisation gegen den Wahnsinn der atomaren Aufrüstung.

Vor kurzem hatte ich das Glück, den 86-Jährigen in Boston besuchen zu können, zu Hause und in seiner Klinik, in der er bis heute einmal in der Woche tätig ist. Eine seiner kurzen, nachdenklichen Bemerkungen, nebenbei gefallen in einem Gespräch über die Aufgaben des Arztes und der Medizin, fällt mir oft ein: "Ich habe mich mein ganzes Leben als Arzt mit den Krankheiten von Herz und Kreislauf beschäftigt, mit den Menschen, die herzkrank werden. Risikofaktoren, über die ständig geforscht und gesprochen wird, Cholesterin, Bluthochdruck usw., sind nebensächlich. Für das Entstehen so vieler Herz-Kreislauf-Krankheiten sind traurige, tragische Lebensumstände verantwortlich: Einsamkeit, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit."

Warum werden solche Weisheiten so wenig beachtet? Einsamkeit kann man nicht operieren. Verzweiflung kann man nicht mit Medikamenten oder Apparaten behandeln. Und in einem Disease Management Programm, dem sich der Herzkranke und sein Arzt heute zu unterwerfen haben, hat Aussichtslosigkeit auch keinen Platz. Und wie erst sollen diese Hochrisikofaktoren auf einer elektronischen "Gesundheitskarte" abgespeichert werden?

Die Medizin konzentriert sich immer mehr und bald nur noch auf Messbares, auf Abbilder, auf Daten, auf den Menschen als technische Maschine. Der Unterschied zwischen einem kranken Menschen beim Arzt und einer defekten Maschine in der Werkstatt ist aber fundamental. Wenn die Medizin das vergisst, ist sie keine mehr.

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