Donnerstag, 31. Januar 2008

Die Evolution der blauen Augenfarbe

Nach neuen humangenetischen Studien zur Evolution der blauen Augenfarbe des Menschen, ist diese erst etwa vor fünf- bis zehntausend Jahren durch eine einzelne "Gründer-Mutation" entstanden. Wir Blauäugigen sind also alle miteinander verwandt, da die Entstehung der blauen Augen somit ein einmaliges evolutionäres Ereignis dargestellt hat. Wir stammen von braunäugigen Menschen ab. (Welt, Spiegel, größtenteils beruhend auf: Science Daily; siehe auch: Gene Expression 1, 2, 3, 4, Dienekes; drei Originalartikel, alle frei zugänglich: Americ. Journ. Hum. Genetic. 1, 2, Human Genetics)

Wenn die Datierung wenigstens grob stimmen sollte, müßte man davon ausgehen, daß die europäischen Eiszeitjäger, die Cro Magnon-Menschen, wie auch die nordeuropäischen Rentier-Jäger am Ende der Eiszeit noch braunäugig gewesen sind, und daß die Blauäugigkeit frühestens im Mesolithikum, also nach der Eiszeit entstanden ist. Im Mesolithikum könnte überhaupt humangenetisch viel Neues entstanden sein, weil durch die damals entstehende Bewaldung in Europa die Menschengruppen viel stärker voneinander getrennt worden sein könnten, wodurch es zu vielfältiger "lokaler" Humanevolution in diversen geographischen "Isolaten" über mehrere Jahrtausende hinweg gekommen sein könnte. Diese Phase endete mit Beginn des Neolithikums, als sich die ersten Ackerbauern über ganz Europa ausbreiteten und die Wälder rodeten, etwa um 5.600 v. Ztr..

Da im Mesolithikum die Bevölkerungsdichte ausordentlich gering war, wissen wir rein archäologisch über diese Zeitspanne sehr wenig. Über den eigentlichen Anfängen von später bedeutsam werdenden Entwicklungen liegt ja oft gerade das größte Geheimnis. Gründermutation heißt ja eigentlich, daß auch die Blauäugigkeit am ehesten in einer "Flaschenhals-Population" entstanden sein müßte, also in einer populationsmäßig sehr kleinen Gruppierung, die dann exponentiell gewachsen ist. Da diese Mutation heute rund um die Ostsee am häufigsten vorkommt, sollte man annehmen, daß sie dort auch entstanden ist.

Wissen wir aber von Bevölkerungs-Zusammenbrüchen in dieser Region am Ende oder nach der Eiszeit und von einer nachfolgenden Neubesiedlung durch Menschen, die dann die "Gründermutatuion" schon trugen?

In der folgenden Karte, die durch Draufklicken vergrößert werden kann (von Dienekes), wird die geographische Verteilung der Häufigkeit der erforschten Genmutation dargestellt, die Blauäugigkeit hervorruft. Es ist also eine Darstellung der Verbreitung des Genotyps, nicht des Phänotyps. Und es wäre zu überprüfen, ob diese Karte überall übereinstimmt mit Forschungen zum Phänotyp. Wenn es größere Widersprüche zwischen beiden gäbe, wäre das ein Hinweis darauf, daß noch andere genetische Ursachen als die hier erforschten für die Blauäugigkeit vorauszusetzen wären.


Auffällig ist, daß der Anteil der Genmutation für Blauäugigkeit in den baltischen Staaten, in Finnland und Weißrußland höher ist, als in fast ganz Norwegen und Südschweden. In Griechenland ist er höher als in Italien. Israel sticht hervor, vielleicht aufgrund der dort zugewanderten, jedoch in Mitteleuropa evoluierten aschkenasischen Juden. In Südengland ist der Anteil niedriger als in Norddeutschland. Und der Zipfel, der da nach Hessen (?) hineinragt - wo endet der?

(Siehe auch: Spektr. d. Wiss., Bild d. Wiss., Tagesspiegel. Richard Zinken von spektrumdirekt meint im Newsletter: "Wenn damit alle Blauäugigen auf einen Vorfahren zurückgehen, dürfte ein Familientreffen recht umfangreich ausfallen.")

Menschenopfer bei den Maya - warum?

Gibt es angeborene Verhaltensneigungen zu Gewaltbereitschaft bei Menschen?

In einer halbprivaten Email-Diskussionsrunde, die sich durch die Diskussionen auf "Abgefischt" herausgebildet hat, wies Herr Ingo-Wolf Kittel auf einen neuen Artikel im "Spiegel" über Menschenopfer bei den Maya hin. (Spiegel) Und er fragte dazu:
Welche"individuelle angeborene Verhaltensneigungen", gemeinsame "Veranlagung" oder womöglich sogar "Gene" muss man für die Entwicklung und Aufrechterhaltung nachstehend geschilderte religiöser Riten annehmen und worin waren sie adaptiv?
Michael Blume hat auf seinem Blog schon seine Antwort gegeben, der ich weitgehend zustimmen kann. Meine Antwort will ich (auch noch einmal) hier hineinstellen.

(Hm, ob man für solche Diskussionen nicht einen gemeinsamen Blog eröffnen sollte, Michael, Herr Kittel, Lars ..., Herr Dahl, wo man dann alles "gebündelt" hätte?)

Insbesondere bin ich zur Antwort aufgefordert worden, als Herr Kittel seine Frage nach Michael's Antwort präzisierte und Bezug nahm auf unsere jüngste Diskussion hier auf dem Blog rund um den Selbstmörder-Stamm der Suruahe (siehe Kommentare zu ---> diesem Beitrag). Herr Kittel schrieb:
Superantwort, Michael, Klasse, bin beeindruckt - meine Fragerichtung ging jedoch weiter in Richtung der von Ingo II (Bading...) für alles und jedes Tun und Reagieren von uns Menschen (wie von den Triebpsychologen des 19 Jh.'s schon...) in Anspruch genommene Konstrukt einer (von ihm sogar "individuell" für möglich gehaltenen!) "angeborenen Verhaltensneigung"...
Dazu schrieb ich nun:
Hallo an die Runde

- und an meinen Namensvetter insbesondere!

offenbar versuchen Sie, Herr Kittel, mit ziemlich heftigen völkerkundlichen, bzw. religionsgeschichtlichen Schilderungen ein naturalistisches Welt- und Menschenbild aus den Angeln zu heben. (- ?) Wir hatten das Thema ja bei mir auf dem Blog kurz andiskutiert.

Aber worauf wollen Sie hinaus?

Glauben Sie, es ist diskreditierend für ein solches Menschen- und Weltbild, wenn festgestellt werden muß, daß es auch für alle Unmoral, für alles Verbrecherische, was Menschen tun, angeborene Verhaltensneigungen gibt? Natürlich gibt es die? Was haben Sie denn gedacht?

Von der Soziobiologie wird das Thema schon lange diskutiert und erforscht. Eine der frühesten deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Thema war die des Göttinger Anthropologen Christian Vogel "Vom Töten zum Mord". Ich habe in meinem Blog eigens eine Rubrik/Kategorie "Boshaftigkeit", unter der ich Forschungen zu dieser Thematik, wenn ich irgendwo auf sie stoße, behandele. (siehe auch: St. gen.) Es war der Freund von William D. Hamilton, George Price, der erstmals darauf kam, daß in den mathematischen Gleichungen zur Erklärung der Evolution von Altruismus auch die Erklärung zur Evolution von Boshaftigkeit ("spite") versteckt sind. (George Price ist eine interessante Erscheinung - siehe "Narrow Roads of Gene Land" von Hamilton.)

Es wird erforscht, warum die Empfängniswahrscheinlichkeit bei Frauen, die vergewaltigt werden, statistisch größer ist, als bei solchen, die im Einverständnis mit dem männlichen Partner zeugen. Es wird erforscht, warum Stiefeltern statistisch gesehen eher dazu neigen, Stiefkinder zu ermorden als andere. Ich hatte erst jüngst auch wieder eine neue deutschsprachige Veröffentlichung zu diesem Thema in der Hand, sie war mir aber zu ekelhaft, habe das nicht vertiefend gelesen. Es war eine Übersetzung des neuen Buches von David M. Buss über die Frage, warum offenbar "der Mörder in uns" steckt. ... (Amazon) ("Warum wir zum Töten programmiert sind", lautet der etwas marktschreierische Untertitel. Ich kann und will dieses Buch nicht empfehlen, will nur sagen, daß dort wahrscheinlich auch manches Wertvollere zum jüngsten Forschungsstand bezüglich dieser Thematik zusammen getragen sein dürfte.)

Aber ich wies ja z.B. insbesondere schon darauf hin, daß bei einigen amerikanischen Ureinwohner-Stämmen (heutigen) der weltweit höchste Anteil von Trägern der erblichen Neigung zu ADHS gefunden wurde. Ähnliches gilt für ein sogenanntes "Krieger"-Gen (MAOA), das offenbar Gewaltbereitschaft fördert (z.B. bei den [früher] kriegerischen Maori auf Neuseeland zu hohen Prozentsätzen verbreitet mit klar sichtbaren gesellschaftlichen Folgen auch heute noch - aber zuerst von Kölner Humangenetikern in einer niederländischen Familie entdeckt).

Die südamerikanischen Yanömamö sind ja auch sehr kriegerische Stämme, bei denen ein hoher Prozentsatz der Menschen (viel höher als in der New Yorker Bronx oder während des Zweiten Weltkrieges in Europa oder Asien) eines nicht-friedlichen Todes, sprich durch Gewalteinwirkung in Gruppenauseinandersetzungen oder Ehestreitigkeit oder ähnlichem ums Leben kommt. Die Frage, warum evolutionär gesehen die Menschen offenbar heute nicht mehr so stark dazu neigen, durch Gewalteinwirkung ums Leben zu kommen wie bei den Naturvölkern, hat der bekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker im letzten Jahr auf "The Edge" (und anderswo) sehr grundlegend aufgeworfen. Sie ist sehr interessant.

Jedenfalls paßt in all solche Verhaltensdispositionen die geschilderte Religiosität der Maya sehr gut hinein. (Und natürlich nicht nur diese.)

Ich will meine Thesen (formuliert u.a. auf "Abgefischt") sogar sehr deutlich erweitern und präzsieren: Ich nehme sogar sehr heftig an, daß das Christentum (genauso wie der Buddhismus und der Konfuzianismus) genau Selektion gegen solche genetischen Dispositionen in Richtung Gewaltbereitschaft und -neigung betrieben hat. Diese "Ideologien" haben "Zivilisierung" bewirkt, ohne die arbeitsteilige Gesellschaften mit dichter Besiedlungsdichte wohl nicht besonders gut funktionieren.

Die Bergpredigt von Jesus wird sehr wohl genetische Auswirkungen gehabt haben, wie ich sehr stark vermute. Denn - wie gesagt - selbst in der Bronx wird heute nicht mehr das erreicht, was in Naturvölkern in vielen Teilen der Erde eher die Regel als die Ausnahme war. Sicherlich handelte es sich nicht nur um genetische Selektion, sicherlich reichte vielfach auch die Ausbreitung neuerer "Meme" (neuer kultureller, religiöser) Vorstellungen und Ethiken aus.

Wie der Gen-/Umwelt-Anteil bei einer solchen menschlichen Eigenschaft wie Gewaltbereitschaft einzuschätzen ist, dazu habe ich noch nicht so viel gezielt nachgelesen, darüber gibt es aber sicherlich auch schon viele Studien.

Die Natur als Künstlerin

"Making things special", also das "Herausstellen von Dingen als etwas Besonderes" ist eine unter Soziobiologen und Kunstwissenschaftlern weit verbreitete Bestimmung von menschlicher künstlerischer Tätigkeit, wozu auch alle Tätigkeit auf religiösem Gebiet gerechnet werden könnte. Dieser Gedanke stammt (wenn mich nicht alles täuscht) von Ellen Dissanayake (s. auch St. gen.).

Aber die Natur selbst stellt manchmal auch schon allerhand Dinge als sehr "besonders" heraus. Oder ist es wirklich nur unser menschliches Auge (- wieder etwas von der Natur Geschaffenes), das bestimmte Dinge in der Natur als "besonders", als bemerkenswerter erscheinen läßt als sie vielleicht tatsächlich sind?

Warum empfinden wir Sonnenaufgänge und -untergänge als schön? Etwa weil dort, wo es schöne Sonnenauf- und -untergänge gibt, die Überlebensbedingungen besonders gut sind (- die "Savannen-Hypothese")? - Wenig plausibel! Denn den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens habe ich einmal im Winter auf 1800 Meter Höhe in den Bayerischen Alpen erlebt. Ein einziges Farbenmeer, eine Farbensymphonie, wie ich sie vorher und nachher nie wieder erlebt habe.

Auch die Schönheit, die die Unterwasser-Fotographie uns nahe bringen kann, wäre damit wohl noch in keiner Weise erklärt.










Sonnenaufgang in Kassel - Januar 2008






Warum man Sonnenaufgänge als schön empfindet, muß also wohl einstweilen offen bleiben.

Montag, 28. Januar 2008

Intelligent Design: Werden amerikanische Christen schrittweise zu Pantheisten?

Der sich selbst als Christ ansehende amerikanische Paläontologe James Kidder weist auf seinem Blog auf einen Artikel in der "Chicago Tribune" über das neue Buch "The Fourth Day" des sich selbst als Christ ansehenden amerikanischen Physikers Howard Van Till hin. (Chicago Tribune, James Kidder) (auch hier)

Ich sage "sich selbst als Christ ansehend" statt "christlich", weil ich immer mehr zweifle, ob es in unserer westlichen Welt noch wirklich echte Christen gibt. Abgesehen von den Amish People, den Hutterern und einigen vergleichbaren Sekten (z.B. auch in Israel), die die Bibel noch irgendwie sehr ernst und wörtlich als "Gotteswort" auffassen. Stattdessen nehmen doch die meisten modernen Christen heute in vielen Teilen die Bibel bloß noch metaphorisch, "sinnbildhaft" und verwässern dadurch das historisch gewachsene Christentum meistens bis zur Unerkenntlichkeit.

Ein einheitliches, widerspruchsloses Bild in der Zusammenschau von Bibelglaube und Evolution läßt sich nun einmal nicht gewinnen und die haltlosen Versuche amerikanischer Intelligent-Design-Wissenschaftler machen diesen Versuch immer unglaubwürdiger - auch, was nun besonders interessant ist, in den Augen vieler Wissenschaftler, die der Intelligent Design-Bewegung sicherlich aufgrund ihres christlich geprägten Herkommens grundsätzlich positiv gegenüber stehen.

Aber welche Alternativen haben sie denn? Was bleibt als einzig möglicher, intellektuell redlicher, naheliegender Ausweg?

Howard Van Till versucht etwas Derartiges offenbar in seiner kleinen Schrift zu formulieren. - Stellt sich nur die Frage, was an dieser Formulierung dann noch christlich ist (;-) ). Die diesbezüglichen Ausführungen in der "Chicago Tribune" machen mir jedenfalls einmal auf's Neue die ganze intellektuelle Unhaltbarkeit, ja Unredlichkeit eines christlichen Glaubens in moderner Zeit deutlich. Und sie machen deutlich, daß der einzige Weg, sich Religiosität im Angesicht der modernen Wissenschaft zu bewahren, eben eine Hinwendung zu pantheistischen Deutungen und Anschauungen sein wird. Vom Autor heißt es:
He rejected the idea of God as a supernatural being who took care to design every galaxy and blade of grass. The God he sought couldn't have designed everything at the outset (...). He began to think of God as a silent presence within nature, the source of the nameless awe he felt when studying the genesis of solar systems and the life of our endlessly fertile planet.
Das ist wunderschön formuliert:
"Gott als die stille Anwesenheit in der Natur, die Quelle der namenlosen Ehrfurcht, die er (Van Till) empfand, als er die Entstehung des Sonnensystems und des Lebens auf unserem endlos fruchtbaren Planetenerforschte".
Hat denn das noch großartig irgend etwas expliziter mit - - - "Christentum" zu tun? Weiter heißt es (Hervorhebung durch mich, I.B.):
"If your faith requires supernaturalism, or a God who wields overpowering control over nature, then yes, evolution will challenge that," says Van Till. (...) "The key is to correct your portrait of God," he says. It's an audacious suggestion, but transforming the way people think about God has become a vital mission for a wave of scientists and theologians who want to place the natural world at the forefront of religion. They see themselves as spokespersons for an emerging religious majority that has been obscured by the excesses of stubborn creationists and the iconoclastic broadsides of scientific atheists.

Evolution, they contend, is more than a soulless explanation for the development of life. (...) The new theology of evolution can lead to a vision of a more humble God, scarcely recognizable as the almighty of Judaism, Islam and Christianity.
Große Worte. Eindrucksvolle Worte. Entwicklungen mit weitreichenden Aussichten, wenn sie wirklich dominant werden sollten in der nordamerikanischen Christenheit. Es ist ja schließlich von der "religiösen Majorität" die Rede.

S. Conway Morris
Und dann wird - natürlich und sehr schön - Bezug genommen auf das Buch von Simon Conway Morris "Life's Solution", das in Kürze endlich auch in deutscher Sprache erscheinen soll:
The subtle divine signature may even be visible within Darwinian evolution, according to Cambridge's Simon Conway Morris, who made his name studying the evolution of species preserved in the 500 million-year-old Burgess Shale.

In "Life's Solution: Inevitable Humans in a Lonely Universe," Conway Morris catalogs piles of instances of "evolutionary convergence," in which different species have hit upon similar designs, sometimes separated by many millions of years. For example, sharks and dolphins evolved nearly identical body plans, and mammals separated by vast oceans developed similar saber-toothed weaponry. All along, Conway Morris sees an evolutionary trend toward greater complexity and the emergence of consciousness in humans and other species such as dolphins and whales.

Convergence doesn't prove the existence of a divine plan or contradict Darwinian evolution, he notes. Many biologists say that convergence is exactly what evolution would predict, with or without God. But it suggests a "deeper fabric to biology," in which not all outcomes are equally likely. God did not create individual species, but might have constrained from the outset the kinds of paths that life could take. "One enters a world which is far more extraordinary," he says.
Das habe ich immer schon gesagt: Das Buch von Simon Conway Morris ist ein philosophisches Buch fast ausschließlich mit naturwissenschaftlichen Tatsachen geschrieben. Die entscheidende philosophische Aussage kann es nicht in naturwissenschaftlich exakter Art "beweisen". Das kann Naturwissenschaft gar nicht. Aber die naturwissenschaftlichen Tatsachen selbst legen halt sehr viele Dinge "nahe".

Und wenn man diesen Implikationen folgt, wird man - höchstwahrscheinlich - auch allein auf naturwissenschaftlich nachweisbarem Gebiet noch sehr, sehr viel Neues entdecken, da in dem Sinne der Forschungen von Simon Conway Morris die "Hypothese Gott" für naturwissenschaftliche Forschung sich nicht als erkenntnishemmend, sondern sehr deutlich als erkenntnisfördernd erweisen könnte. (Übrigens gilt das ähnlich auch für die Forschungen des Astrophysikers Guillermo Gonzales, siehe sein Buch "The privileged planet".)

Spannenderweise hat sich laut Artikel in die öffentliche Debatte auch ein Amish-Schreiner eingemischt, indem er einen siebenseitigen, handgeschriebenen Brief an Kenneth Miller, den Autor des - auch von Richard Dawkins - gelobten Buches "Finding Darwin's God" geschrieben hat. Er heißt Lamar Schlabach und schrieb unter anderem:
"I've always felt the account of our origins in the book of Genesis [was] intended for an audience much less sophisticated than the generations alive today."

Ist Gott der "Bestrafer" "von dritter Seite" im allgegenwärtigen sozialen "Third party-punishment"-Spiel?

In der spannenden Diskussionsrunde zur "Evolution der Religiosität" mit der Rekordzahl von inzwischen 218 Kommentaren auf Wissenslogs (von "Spektr. d. Wissenschaft") hat Lars Fischer zum Thema "Religion und Gesellschaftsform" am 23.1.08 aus einem etwas weitläufigeren Diskussions-Zusammenhang heraus geschrieben:

Das ist ein guter Punkt, den du da aufbringst, Michael. Wir haben ja im Seminar gesehen (im Indianer-Vortrag), dass Religion und Gesellschaftsform oft sehr stark verflochten sind, was ja durchaus dem biologischen "Sinn" (flapsig gesprochen) von Religion entspricht.

Du hattest aber ausgeführt, dass du von der Idee der Gruppenselektion im Religionskontext nicht viel hältst.

Um jetzt einfach mal ein sehr simples Erklärungsmodell in den Ring zu werfen: Kann das nicht einfach eine Frage der Bevölkerungsdichte sein?

Das würde bedeuten, dass die Funktion (bzw. Wirkung) von Religion heutzutage eine andere ist als die, weswegen sie ursprünglich entstanden ist.

(Das würde zum Beispiel auch ein paar Probleme und Widersprüche bei der Sache mit der Gretchenfrage auflösen. Ich hab mir darüber nochmal ein paar Gedanken gemacht, das ist alles nicht ganz so einfach wie ich zuerst vermutet hatte.)

Dieser Kommentar regte mich selbst dazu an, meinen eigenen St. gen.-Beitrag zum "Third-party punishment game" vom 12.1.08 in der folgenden Weise auf "Abgefischt" weiterzudenken:

Religion, Bevölkerungsdichte und Bestrafung von "dritter Seite"

Gute Gedanken, Lars und Michael! Das Mißtrauen ist in großen Gesellschaften viel größer, weshalb "Third-party-punishment" in ihnen viel stärker ausgeprägt ist (siehe "More ‘altruistic’ punishment in larger societies" von Frank W. Marlowe und J. Colette Berbesque in "Proc. R. Soc. B." diesen Monat)

Ist es nicht sehr einfach, das mit einem belohnenden und strafenden Gott in Zusammenhang zu bringen? Stellt er nicht auch eine "Third-party-punishment"-Instanz dar???

Insofern wäre eine persönliche, sehr rationale Vorstellung eines Gottes, der belohnen oder bestrafen kann, entstanden, weil sich die Menschen ohne ihn nicht so gut gegenseitig kontrollieren können.

Überhaupt ist ja das Mißtrauen in Third-party-punishment-Zusammenhängen ein hochgradig rationales, während man Vertrauen, "lockerere" Großzügigkeit eher mit weniger exakter Rationalität in Zusammenhang bringt.

Was aber jetzt, wenn viele Menschen nicht mehr an einen "dritten Bestrafer" oben im Himmel glauben und sich die Egoismen deshalb in modernen Gesellschaften ausdehnen?

Wie werden dann neues Vertrauen und höhere Altruismus-Raten sichergestellt in familiären und überfamiliären Zusammenhängen? Vielleicht dadurch, daß allgemein anerkannt - und zwar im Gegensatz zu Materialismus und Atheismus - philosophisch anerkannt wird, daß die Ratio nur einen sehr engen Bereich verwaltet. ...

... Und daß Großzügigkeit, so möchte ich hier ergänzen, erst dann ihren eigentlichen Wert erhält, wenn eben nicht so genau "gerechnet" und "gerechtet" wird wie es in bestrafenden religiösen und weltlichen Glaubenssystemen der Fall ist?

Und noch mehr: Liegt hier, in der Vorstellung von einem rechnenden und rechtenden Gott nicht auch der schon von vielen Denkern vermutete engere Zusammenhang zwischen Monotheismus und Kapitalismus, bzw. zwischen Monotheismus und Materialismus? Vielleicht ist der Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsweise einer Gesellschaft und ihrer Religiosität sogar noch dichter und enger als Friedrich Nietzsche oder Max Weber anzunehmen gewagt haben!?

In den neuen Forschungen zum "Third party punishment game" scheinen mir eine Fülle von Implikationen auch für die Religionswissenschaft allgemein und die Religionsdemographie im besonderen zu stecken.

Eindrucksvolle Abbildungen zu bislang weniger beachteten Aspekten der Kulturgeschichte der Menschheit

Hier sollen noch ein paar eher zufällige Bibliotheks-Funde der letzten Monate eingestellt werden zur Geschichte West- und Ostasiens (u.a. aus 1 und 2).

Zunächst ein Foto, das "Ureinwohner Taiwans" darstellt - wie man sie sonst noch nirgendwo abgebildet gefunden hat.



Sind doch von den Ureinwohnern Südost-Taiwans aus wichtige Handelsbeziehungen und Besiedelungs-Vorgänge bis nach Indonesien und bis zu den südpazifischen Inseln - auf Ausleger-Booten - ausgegangen. (Ausbreitung der austronesischen Sprachfamilie, siehe frühere St. gen.-Beiträge unter Kategorie "Südasien".)

Weiterhin ein Totenwagen aus dem 5. - 4. Jh. v. Chr., gefunden in dem fünften Kurgan von Pazyrk und nur aus Holz gefertigt.



Ein eindrucksvolles Beispiel für die Kultur der nomadisch lebenden skythischen Völker am Nordrand des chinesischen Reiches, der Sogder, Persiens und Griechenlands, wie es ebenfalls kaum bekannt ist.

Weiterhin die buddhistische Zeichnung einer in China ausländischen Gesellschaft mit Pferd aus dem Jahr 663 n. Ztr..



Sodann eine chinesische Zeichnung von Falknern aus den "Westlanden" aus dem Jahr 706 n. Ztr..



Und zum Schluß eine chinesische Tonplastik aus dem 9. Jahrhundert, wohl reichlich unpräzise benannt "Armenischer Weinverkäufer".



Es wird sich - wie bei vielen ähnlichen chinesischen, Tang-zeitlichen Plastiken um die Darstellung eines Sogders handeln. Die Museen weltweit ordnen derartige Darstellungen von "Ausländern" in der Tang-zeitlichen chinesischen Kunst oft unter ganz unterschiedlichen Bezeichnungen ein und doch handelt es sich sehr oft schlicht um Sogder. Zu den letzten drei Abbildungen siehe Suchwort "Sogder" auf "St. gen.".

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  1. Brentjes, Burchard: Mittelasien. Eine Kulturgeschichte der Völker zwischen Kaspischem Meer und Tien-Shan. Koehler & Amelang, Leipzig 1977
  2. Bauer, Wolfgang (Hrsg.): China und die Fremden. 3000 Jahre Auseinandersetzung in Krieg und Frieden. Verlag C. H. Beck, München o.J.

Sonntag, 27. Januar 2008

Bundesvolkstanztreffen in Offenburg Juli 2008

"Spreading the faith ..."

So mancher war in seiner Jugend ein eifriger Volkstänzer. Und eines der Hauptereignisse war dann immer das große "Bundesvolkstanztreffen", das die "Deutsche Gesellschaft für Volkstanz e.V." ausrichtet. Es findet alle paar Jahre für ein verlängertes Wochenende in der Sommerferien-Zeit in einer ausgewählten deutschen Stadt statt. Und es beteiligten sich daran hunderte von Gruppen aus ganz Deutschland und der ganzen Welt.


Und es ist immer ein farbenprächtiges Bild. Auf den Plätzen wird getanzt, die Stadt vibriert von verschiedensten Melodien und Instrumenten. Man lernt die möglichsten und unmöglichsten Leute, Gruppen, Tänze und Trachten kennen. Ob sie nun aus Hintertupfing in Hinterbayern, aus Lettland, Finnland, Korea, Kanada kommen. Einige auch aus Australien und Südamerika.


Meistens kann jedermann - ob selbst nur zufälliger Zuschauer oder auch Teilnehmer - bei den anderen Gruppen mittanzen. In jedem Fall kann man zuschauen. Und abends gibt es ein großes gemeinsames Tanzen in einer Eissporthalle oder ähnlichem mit hunderten von Teilnehmern. Ein "Event" also mit einem hohen Grad von Zuschauer-Einbindung und Gemeinschaftlichkeit. Ein Event, wie es sich jede Stadt nur wünschen kann.

1983 war es in Kempten im Allgäu und mancher war dabei. 1987 war es in Aachen. Dieses Jahr soll eines in Offenburg stattfinden.

Dieses Jahr in Offenburg

Nun hätte man denken können, daß man reichste Informationen über diese Bundesvolkstanztreffen im Internet findet. Was würde sich besser eignen als solche Treffen, um mit farbenprächtigen Fotos von früheren Treffen für das neue zu werben. - Aber Fehlanzeige. Auf www.volkstanz.de ist sechs Monate vor Beginn noch kein Programm abzurufen. - Von werbekräftiger Bebilderung ganz zu schweigen. Höchstens eine - recht langweilige - Auflistung früherer Treffen.

Na, jedenfalls veranlaßt einen das, mal wenigstens das Programm hier im Netz verfügbar zu machen, das man gerade zugeschickt bekommen hat, und das der Zeitschrift der genannten Gesellschaft entnommen ist. Und wenn man seine alten Fotoalben findet, kann man auch noch ein paar aussagekräftige Fotos heraussuchen ...

- Aber das Netz ist doch voll von schönen Fotos. Deshalb hier auch gleich noch werbewirksame Bebilderung. So ungefähr jedenfalls kann man sich das vorstellen ...

Hm, das folgende Foto stammt wohl aus der Zeit des Autors dieser Zeilen ...

Und das scheint eher von heute zu sein:

Samstag, 26. Januar 2008

Spannendes öffentliches Rätselraten in Kassel

In Kassel hat es in den letzten Tagen ein ziemlich spannendes öffentliches Rätselraten gegeben um die Herkunft von inzwischen 60 Skeletten, die auf einer Baustelle auf dem Universitäts-Gelände entdeckt wurden. (www.hna.de/kassel.html) Die Vermutungen der Polizei und verschiedener Hobby-Stadthistoriker richteten sich zunächst auf die Endphase des Zweiten Weltkrieges, man vermutete ermordete Zwangsarbeiter oder Bombentote. *) Auch die frühen 1920er Jahre waren "irgendwie" im Gespräch.


Allerdings wiesen die Skelette keinerlei Verletzungen auf. Auch Beifunde wie Knöpfe, Schnallen oder anderes fehlten gänzlich. Die Skelette waren, was offenbar zunächst wenig beachtet worden war, mit ordentlich gefalteten Händen niedergelegt worden.

Anthropologen und Rechtsmediziner der Universität Gießen wurden hinzugezogen. Sie wollten nicht ausschließen, daß die Skelette auch deutlich älter als 50 Jahre sein könnten, allerdings nicht älter als 500 Jahre.

Typhus-Epidemie von 1814

So ziemlich den Ausschlag gegeben haben aber dann überraschend die Nachforschungen des Stadthistorikers Christian Presche, über die gestern, am 25.1., in der Zeitung berichtet wurde, die er selbst aber schon am 22.1. auf seiner Netzseite veröffentlicht hatte. (www.hna.de/kassel.html, Christian Presche) Er fand also nach Bekanntwerden der Skelette sehr schnell einen Kasseler Zeitungsbericht von 1866, der von einer Typhus-Epidemie in Kassel im Jahr 1814 berichtet, als in unmittelbarer Nähe des Fundortes die Typhus-Kranken in einem Militär-Lazarett starben:

„Im Jahr 1814 brach in unserer Vaterstadt in einem ungewöhnlich hohen Grad in Folge der Durchmärsche von bedeutenden Truppenmassen ein sehr heftiger bösartiger Typhus aus, welcher viele Einwohner hinwegraffte. Da das damalige Militär-Hospital, die Charité, nicht mehr zur Unterbringung aller Militärkranken ausreichte, so wurde diese Kaserne [auf dem Platz vor der heutigen Schule Am Wall an der Bremer Straße] sofort zu einem Militärlazareth verwendet, und es findet sich kein Gebäude in Cassel, aus welchem so viele Seelen in das Jenseits hinübergegangen sind, als aus diesem Hause; ja man hatte bei der überhand genommenen großen Sterblichkeit, um die Todten nicht die Treppen heruntertragen zu müssen, an der nordöstlichen Seite, dem Hofe zu, eine sogenannte Rutschbahn angebracht, auf welcher die Leichname in die daruntergefahrenen Kastenwagen, ohne die geringste Bekleidung, gleich weiter zur Ruhestätte befördert wurden.“

(Aus Wagner: Die bisherige Schützenkaserne oder das alte Modellhaus, in: Casseler Tages Post 1866, Nr. 1336, zitiert nach Alois Holtmeyer: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. VI, Kreis Cassel-Stadt, S. 545f.)
Diese These hatte Presche also schon am 22.1. auf seiner Netzseite veröffentlicht, während in der HNA und bei der Polizei noch tagelang andere Vermutungen vorherrschend. Schließlich überzeugte sie aber auch den Stadtarchivar Frank-Roland Klaube. Und inzwischen (25.1.) hat die Polizei die Ermittlungen aufgegeben. Die Skelette werden nun als archäologische Funde betrachtet und behandelt.

- Ich frage mich: Müssen es immer erst "mysteriöse" Skelette sein, damit es zu solch einem eifrigen, gemeinsamen öffentlichkeitswirksamen Nachforschen bezüglich wissenschaftsrelevanter Dinge kommt? ...

(Siehe auch: FAZ)
______________

*) Die Henschel-Werke, in denen noch in den Endtagen des Zweiten Weltkrieges der berühmte deutsche Tiger-Panzer gebaut wurde und von dort fast täglich neu an die kämpfenden Divisionen in Westdeutschland geliefert wurde, lagen ganz in der Nähe. (Buch: "Panzer aus Kassel", 1994; Netzseiten: 1, 2)

Freitag, 25. Januar 2008

Wir sind das "offene Labor" ...

- Wir, die Wissenschafts-Blogger

"Nature" weist auf eine vielleicht - zumindest für Wissenschafts-Blogger - nicht ganz uninteressante Veröffentlichung hin. (Nature) Nämlich Sammlungen der besten Wissenschafts-Beiträge auf Blogs aus den Jahren 2007 und 2006. Hm! Wann tun sich die deutschen Wissenschafts-Blogger zu solchen Unternehmungen zusammen? Wann organisieren sie ihre erste Konferenz, wie dies offenbar in den USA schon geschieht?

Every year a different guest editor — here Reed Cartwright, a blogger and genetics and bioinformatics postdoc from North Carolina State University — picks the best posts to coincide with the Science Blogging Conference (in North Carolina on 19 January).

Amazon bietet diese beiden Bände nicht an, sie sind offenbar nur bei Lulu.com erhältlich, wo man auch das Inhaltsverzeichnis mit den beitragenden Blogs findet (1, 2), unter denen sich natürlich neben manchem bekannteren Namen auch unbekanntere finde. "Gene Expression" vermisse ich dort jedoch ... Hier findet sich die Entstehungsgeschichte dieser Bände ---> Scienceblogs.com

Schimpansen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Eine Kritik an einem Artikel in der neuesten "Science"-Ausgabe

In der jüngsten "Science"-Ausgabe (Science) berichtet Journalist Michael Balter über die internationale "Primate Behavior and Human Universals"-Konferenz, die vom 11. bis 14. Dezember 2007 in Göttingen stattgefunden hat. Es wurden dort offenbar vor allem neue Versuchs-Anordnungen mit Nahrungsmitteln erörtert und wie sehr Schimpansen dazu befähigt sind, Nahrung mit anderen Artgenossen zu teilen oder anderen Artgenossen bei der Nahrungsbeschaffung zu helfen. Sie sind - wie erneut festgestellt wird - dazu sehr wenig befähigt oder geneigt. Daraus scheinen nun die Forscher, wie ich finde, recht willkürlich zu schließen, Schimpansen würden "den" "echten" Altruismus, den Menschen kennen, gar nicht kennen.

Es ist im folgenden von der "helfenden Hand" die Rede, die Schimpansen ihren Artgenossen nicht reichen würden bei der Nahrungsbeschaffung. Ich frage mich aber, ob die Verhaltensforscher das Koalitions-Verhalten von Schimpansen ganz vergessen haben, und die Tatsache, daß in sozialen Rangkämpfen sich die Individuen sehr wohl gegenseitig helfen und unterstützen. Daß Schimpansen auf bestimmten Gebieten wie "romantischer Sexualität" oder eben "Nahrungsteilung" nicht besonders menschlich agieren, sollte doch wohl nicht als besonders aufsehenerregendes Forschungsergebnis gelten? Das hat doch schon Jane Goodall festgestellt (1).

Schimpansen sind sehr wohl altruistisch - nur eben nicht beim Fressen

Zunächst wird geschildert, wie experimentell eine gewisse Fähigkeit zur Geduld an Schimpansen aufgezeigt wurde, zumindest wenn es darum ging, auf "Sofortbefriedigung" was das Fressen betrifft, zu verzichten, wenn man durch den Aufschub der Befriedigung später noch mehr erhalten kann. Dann heißt es weiter:
Although chimpanzees may be surprisingly patient, they fail miserably at another typically human behavior: lending a spontaneous helping hand to one's neighbor without expecting anything in return. Such altruism is very common among humans, some of whom even sacrifice their own lives to help others.
Und das würden Schimpansen in Rang- und Inter-Gruppen-Kämpfen für ihre Gruppenpartner, Koalitionspartner nicht tun? Verteidigen Schimpansen-Mütter ihre Kinder nicht? Weiter:
Yet recent work by anthropologist Joan Silk of the University of California, Los Angeles (UCLA) and Michael Tomasello of the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany, has shown that chimps, although remarkably cooperative in many ways, do not spontaneously help fellow apes.
Das ist doch - so - viel zu allgemein ausgedrückt! (Vielleicht haben das Silk und Tomasello so allgemein auch gar nicht gesagt?) Weiter:
Other work has found that most nonhuman primate cooperation involves self-interested reciprocal exchanges. Many scientists have concluded that true altruism requires higher cognition, including an ability to read others' mental states, called theory of mind (Science, 23 June 2006, p. 1734).
Zu "echtem Altruismus" wären also Insekten nicht fähig? Der Artikel stammt von Michael Balter, der über Archäologie mitunter recht gut berichtet. Hat er sich da vielleicht doch auf ein Gebiet gewagt, auf dem er sich erst noch ein bischen mehr umtun sollte, bevor er darüber Tagungsberichte schreibt? - Sicherlich wird man die Dinge noch einmal anders beurteilen, wenn man danach fragt, was das Individuum jeweils bei seiner altruistischen Tat "fühlt". "Fühlt" eine Biene etwas, wenn sie sich durch das Stechen eines "Bienenfeindes" für ihr Volk aufopfert? Höchstwahrscheinlich nicht etwas, was unseren Gefühlen besonders ähnlich sein wird. Und doch werden wir es wohl "echten Altruismus" nennen müssen.

Alpha-Männchen bei Schimpansen helfen doch anderen, Geschwister, Freunde stehen doch einander bei bei Schimpansen. Und sie versetzen sich dabei doch in den anderen, besitzen also Empathie. Sonst ginge das doch gar nicht.

Ist für die Evolution von "Moral beim Fressen" gemeinsame Jungenaufzucht günstig?

Im weiteren wird von "marmosets", also Krallenaffen berichtet:
Yet humans may not be the only altruistic primates. A team led by Judith Burkart of the University of Zurich, which included van Schaik, looked for helping behavior in marmosets, who lack advanced cognition but are highly cooperative. One monkey, the donor, was given a choice of pulling a tray with a bowl that contained a juicy cricket or pulling a tray with an empty bowl into an area where another monkey was sometimes present. Only the recipient could get the food, with no payoff for the donor. Nevertheless, the donor pulled the cricket tray an average of 20% more often when a recipient was present than when it was absent, Burkart said at the meeting. Moreover, the marmosets were about equally generous to genetically unrelated monkeys as they were to their kin.
Why do marmosets and humans engage in spontaneous altruism when other primates do not?
Wohlgemerkt, wir haben es hier lediglich mit "Altruismus" auf dem Gebiet der Nahrungsbeschaffung zu tun. Es gibt aber wie gesagt noch viele andere Verhaltensbereiche, in denen Schimpansen altruistisch sein können. Deshalb stehe ich diesem Artikel hochgradig mißtrauisch gegenüber.
The answer, Burkart proposed, is that both species, unique among primates, are cooperative breeders: Offspring are cared for not only by parents but also by other adults. Marmoset groups consist of a breeding pair plus an assortment of other helpers, whereas human parents often get help from grandparents, siblings, and friends. Burkart suggests that primate altruism sprang from cooperative breeding. In humans, these altruistic tendencies, combined with more advanced cognition, then nurtured the evolution of theory of mind.
"This is an excellent piece of work," says Silk, although she cautions against drawing sweeping conclusions about the evolution of human altruism from "just two data points," humans and marmosets. Nevertheless, Tomasello says, if the results are valid, they "demonstrate that generosity with food and complex cognitive skills are independent adaptations, which humans may have combined in unique ways."
Ja, offenbar rührt der Altruismus bei der Nahrungsbeschaffung zumindest bei Krallenaffen von der "kooperativen Jungenaufzucht" her, die ja in dieser Form die Schimpansen nicht kennen. Ich glaube insgesamt, die Natur ist sehr einfallsreich. Jede Tierart - und somit auch der Mensch - bildet, wenn, dann den Altruismus aus, der ihrer/seiner Wesensart gemäß ist und der mit den übrigen ausgebildeten Verhaltenseigenschaften und der natürlichen Lebensumwelt in Einklang steht.

Offenbar hatten es doch Schimpansen in der Evolution gar nicht nötig, auf dem Gebiet der Nahrungsverteilung unter Gruppenmitgliedern besonders altruistisch zu sein. Wozu Moral beim Fressen, wenn es auch ohne geht? ... ;-)

Jane Goodall mit Schimpansen, der Bananen erwartet

Die Schimpansen sind unwahrscheinlich schöne Tiere und man sucht deshalb gerne Fotos von ihnen heraus.
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Jane Goodall mit Schimpansen

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  1. Goodall, Jane: Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre Forschung am Gombe. (Studium generale-Buchhandlung)
  2. Goodall, Jane: Wilde Schimpansen. (Studium generale-Buchhandlung)

Donnerstag, 24. Januar 2008

Rassen und Völker unterscheiden sich genetisch erheblich

Der Humangenetiker Peter Frost (Evo and Proud) hat eine Erkenntnis (via Steve Sailer):
In my last two posts, I argued against two widespread truisms:

1. The human genome is 99.9% the same in all people.

2. If we look at the 0.1% that does vary, 85% of this variation exists only between individuals and not between populations.

Both truisms are at best superficially true. They don’t mean what many seem to think they mean. Moreover, they’ve been known to be misleading for some time; in the case of truism #1, from the moment it was first presented.

So Mr. Smarty Pants, how much do genes really differ within our species? And how much of this difference clusters into recognizable populations?
Das ist in kurzen Worten sehr schön gesagt und gefragt. Diese Aussage entstand in Auseinandersetzung mit der neuesten humangenetischen Arbeit zum Thema "Jüngste Humanevolution" des Anthropologen Henry Harpending, Hawk, Cochran und Mitarbeitern. - Nun muß man berücksichtigen, daß Peter Frost - auch sonst - sehr stark auf die Genetik der menschlichen Hautfarbe fokussiert ist und deshalb noch bei vielem zögern könnte, was evolutiv "unter diese Haut" (und ihre Farbe) geht.

"Nur" 15 % Gen-Vielfalt

Aber die Erkenntnis, daß "nur" 15 % Gen-Vielfalt, in denen sich menschliche Populationen (Völker, Rassen) voneinander unterscheiden, im Grunde gar nichts heißt, das sollte man schon mal als eine wichtige Erkenntnis auffassen. (Sie ist so neu auch wirklich nicht. Schon der wirklich nicht unbedeutende amerikanische Genetiker Sewall Wright wußte und sagte das. Und neuerdings weiß von "Lewontin's Fehlschluß", durch den dieses "nur" verbreitet wurde, auch Richard Dawkins ["Ancestor's Tale"] und viele andere.) Denn unter diesen 15 % der Gen-Vielfalt kann sich viel Wesentliches befinden, das tief "unter die Haut geht" und darum unser Menschsein noch wesentlich stärker bestimmt, als "nur" unsere Hautfarbe. Nicht nur Milch- und Stärke-Verdauungs-, Malaria-, oder Aids-Schutz-Gene und vieles andere, sondern auch viele Verhaltensgene wie ADHS und Intelligenz-Gene.

Und wenn man nur für diese - nicht ganz unwesentlichen - Verhaltens- und Intelligenz-Gene allein die Gen-Vielfalt berechnet, die unterschiedlich auf Populationen verteilt sind, so kommt man oft nicht "nur" auf 15 %, sondern oft auf 90 oder gar 100 % und auf viele andere Zahlen, die zwischen 15 % und 90 % angesiedelt sind. (Das gilt übrigens auch für die Hautfarben-Gene.)

Ein unverwechselbares Geflecht zwischen Genen und Kultur

Völker und Rassen unterscheiden sich also genetisch erheblich und nicht unbedeutend. Das hat auch Auswirkungen auf die Kultur und bewirkt ein unverwechselbares Geflecht, ein nicht beliebig dehnbares Band zwischen Genen und Kultur. Das heißt weiter, daß man - z.B. - fragen könnte, ob chinesische Kultur in der Weise lebbar ist, wie sie heute immer noch gelebt und erlebt wird, wenn der Anteil der Träger von ADHS in ihr erheblich größer wäre als er heute ist. - Und umgekehrt auch bei der europäischen Kultur.

Das beliebige "Verschieben" von Menschen, Völkern, Religionen und Kulturen auf dieser Erde kann unter diesem Blickwinkel auch sehr kritisch betrachtet werden - und sollte es auch. Diese Tatsachen machen insbesondere und betont darauf aufmerksam, daß jedes Volk auf dieser Erde etwas ganz und gar Einzigartiges und Unverwechselbares ist und ihm darum jener unbedingte Schutz seiner Existenz zusteht, wie er auch schon von allen internationalen Rechtsgrundsätzen und Konventionen gegen Völkermord bestätigt ist.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Es wird spannend ... Die Gen-Revolution landet in unseren Wohnzimmern

Was weißt Du über Dich? -
Für 1.000 Euro kannst Du mehr wissen!


Die Gen-Revolution geht zügig voran. Für 1.000 Euro kann man sich umfangreiche Informationen über seine eigene genetische Ausstattung zusenden lassen, sowohl zu erblich bedingten Krankheits-Neigungen als auch - offenbar - zur anteilmäßigen ethnischen Zusammensetzung der eigenen Vorfahren. (Spiegel, Welt, Süddeutsche)
Das Biotech-Startup 23andMe aus den USA akzeptiert ab sofort auch Kunden aus Deutschland, sagten die Gründerinnen Anne Wojcicki und Linda Avey dem „Handelsblatt“.
Und hier geht's ab ---> 23andMe.
Ein fast identisches Angebot gibt es bei der schon vorher auch in der Wissenschaft bedeutenden isländischen Firma decodeMe.

Ich nehme an, solche Tests werden schon bald von den Krankenkassen bezahlt werden. Denn wenn ich weiß, daß ich ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko habe oder andere Risiken, kann ich mich entsprechend vorbereitend verhalten. Ich kann sogar darauf hinwirken, daß die Forschung beschleunigt wird, wenn es noch keine oder ungenügende Behandlungs-Methoden gibt.

Ob wohl ADHS-Neigung auch getestet wird? Das würde mich zunächst am meisten interessieren ... - Auf diese Weise könnte man übrigens auch viel über den prospektiven Ehepartner erfahren ...

Dienstag, 22. Januar 2008

Lebensfreude = Religiosität

Beim Lesen der letzten Diskussions-Beiträge zu Michael's Beitrag auf Lars' Blog (inzwischen 171 Kommentare dort!) kamen mir noch neue Gedanken zur Evolution der Religiosität, die mir so gut gefallen, daß ich sie nicht nur dort, sondern auch hier einstellen möchte:
Hedonisten legen sich keine Steine in den Weg

Ich habe für mich selbst immer solche Gemeinschaften wie die Amish als solche charakterisiert, die sich bewußt Steine in den Weg legen im alltäglichen Leben oder es bewußt vermeiden, solche Steine beiseite zu räumen.

Warum könnte das adaptiv sein?

Interessanterweise hatten auch die ungeheuer schwer arbeitenden deutschen Rodungsbauern in den wolhynischen Sümpfen des 19. Jahrhunderts - vom russischen Zaren gerufen - eine auch zu jenen Zeiten ungewöhnlich hohe Kinderzahl. Zudem waren sie zumeist betont religiös.

Altruismus per se erfordert meistens, den inneren "alten Adam" zu überwinden. Der Mensch möchte von Natur her es lieber bequem haben. Und wenn er sich psychologisch darauf einstellt, daß er es bequem hat (wir hedonistischen, verwöhnten Wohlstands-Kinder eben), dann fällt ihm der ganze Streß mit den Kindern von morgens bis abends WIRKLICH schwer. Er ist nicht mehr selbstverständlich. In welchen Lebensbereichen tut man sich denn heutzutage sonst noch solch einen Streß an? (Ich glaube, ich weiß so ein bischen, wovon ich rede ... Und hoffentlich auch so mancher Leser.)

Mir kommt es geradezu selbstverständlich vor, daß Kulturen und Gesellschaften, die es ganz bewußt pflegen, sich "Steine in den Weg zu legen" (und natürlich dennoch von Kindheit an darüber zu steigen), daß es denen viel leichter fällt, diesen Altruismus zu leben, der kinderreiche Familie nun mal bedeutet.

Und STABILISIERT und GERECHTFERTIGT wird eben dieses "sich Steine in den Weg Legen" durch entsprechende religiöse oder weltanschauliche "Gerüste", "Begründungen". Ich meine, daß man auch von einem rein atheistischen Standpunkt her begründen könnte, warum man sich Steine in den Weg legen sollte. Der Marxismus hat genau das auch getan. Allerdings hat der Marxismus vieles tief Menschliche falsch gedeutet (z.B. das Streben nach Privateigentum und freier Wirtschaft etc. pp.). Hätte er das NICHT getan und zugleich ein solches glorreiches Menschheitsziel aufgestellt, wie er es eben getan hat, ich glaube Menschen wären auch jetzt noch so opferfreudig wie vor vielen Jahrzehnten für den Marxismus. Sie würden sich ihm gegenüber wie gegenüber einer Religion verhalten.

Dazu müßte aber dann tatsächlich Familie im Mittelpunkt dieser Ideologie stehen und die Hochwertung derselben. Das war beim Marxismus in der Weise auch nicht der Fall.

Lebensfreude = Religiosität

... Und ich glaube, es ist dann in einer solchen quasi "gut-marxistischen" Gesellschaft die Lebensfreude, die sich einstellt, wenn ein ideologisches Gerüst die evolutionär-emotional vorhandenen Grundbedürfnisse des Menschen RICHTIG deutet, die dann bewirkt, daß die Menschen, die von einer solchen erfüllt sind, dieselbe dann sogleich auch als "quasi-religiös" empfinden.

Ein Mensch, der begeistert ist von dem Leben hier auf dieser Erde und in dieser seiner Gesellschaft, für den kann sehr vieles sehr schnell und plötzlich sehr, sehr wertvoll werden und damit quasi-religiöse Bedeutung bekommen. Er freut sich der Blumen, der Sonne und des Meeres und ist von einem tiefen Gefühl dessen erfüllt, das er als nicht so ganz "von dieser Welt" kommend empfindet.

So wird die menschliche Religiosität vor 200.000 Jahren auch das erste mal entstanden sein. Und erst später hat man ihr Namen gegeben und Geschichten um sie herum erfunden, als Menschen immer seltener von tiefer Lebensfreude erfüllt waren und sie sie wieder suchten, indem sie sich eben an diese gegenseitig erinnerten über das Geschichten-Erzählen, das Ausüben von Ritualen, das Schaffen von Kunst etc. pp..

"Prosoziales Verhalten unter restriktiven Bedingungen"

"Prosoziales Verhalten unter restriktiven Bedingungen" will das Kulturwissenschaftliche Institut Essen erforschen und wird dabei von der Volkswagen-Stiftung gefördert. (Volkswagenstiftung.de) Es ist das gleiche Thema wie das Thema des Filmes "Drachenläufer" und so vieler unzähliger anderer Filme und Romane, die sowohl vor wie nach 1945 gedreht oder geschrieben worden sind. Das Institut möchte erforschen, warum sich in nationalsozialistischer Zeit Nichtjuden zur Rettung von Juden eingesetzt haben, woher dieser Altruismus stammt:
In dem Projekt geht es vor allem darum, die sozialen Bedingungen zu entschlüsseln, unter denen geholfen wurde. Hierdurch wird es möglich zu ermitteln, was Menschen in bestimmten Situationen dazu veranlasst zu helfen, obwohl dies nach den Normen der Zeit als abweichendes Verhalten gilt und mit Gefahren für sie selbst verbunden ist.
Natürlich könnte man auch Altruisten gegenüber Angehörigen vieler anderer Völker "unter restriktiven Bedingungen" erforschen. Warum etwa haben Polen Deutschen oder Deutschen Polen geholfen zwischen 1919 und etwa 1948? Und so viele andere Fragen.

Es ist auch vom soziobiologischen Standpunkt aus wenig erforscht, warum es eigentlich solche Altruisten gibt. (Diese Frage wurde hier auf dem Blog schon oft gestellt und erörtert.) Sehr oft handeln Menschen auch "unter restriktiven Bedingungen" altruistisch, wenn sie sich dabei auf die Sittlichkeits-Prinzipien einer größeren Gemeinschaft beziehen können, die auch - wenigstens teilweise - im Gegensatz zu den "restriktiven Bedigungen" steht. Das können Sittlichkeits-Prinzipien traditionellen Stammesdenkens sein wie in Afghanistan (siehe "Drachenläufer"), das können Sittlichkeits-Prinzipien von religiösen Gemeinschaften oder ideologisch-weltanschaulich bestimmten Gemeinschaften sein.

Reichhaltige Literatur zu diesen Themen liegt allein vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus geschrieben schon vor. Unser Buchladen ist voll davon. (eine ganz willkürliche Auswahl: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9)

Ist das eigentlich - auch aus soziobiologischer Sicht - schon ausreichend erforscht, warum traditionelles Stammesdenken, warum Religionen und Ideologien/Weltanschauungen so stark altruistische Handlungen "auch unter restriktiven Bedingungen" fördern können?

Das Institut für Kulturwissenschaften übrigens scheint die soziobiologische Perspektive gar nicht im Blick zu haben.

Anthroposophen: Akademiker-lastige Gruppierung mit leicht überdurchschnittlicher Geburtenrate

Ich hatte gerade einen längeren, mit vielen Daten und Zitaten gespickten Beitrag über die Sozialstruktur und Familiengrößen der Anthroposophen und anthroposophisch orientierten Menschen fertig gehabt - aber: alles gelöscht! Irgend ein dummes Versehen. Deshalb schreib ich die wichtigsten Inhalte jetzt noch einmal aus dem Gedächtnis und ohne die umfangreichen Literaturnachweise und Zitate auf. (Voriger Beitrag zum Thema siehe St. gen.)

Man findet über Google Scholar (und Universitäts-Abonnement vieler medizinischer Zeitschriften) online viele neuere vergleichende medizinische Studien (1 - 6) zu Patientengruppen, die sich von anthroposophisch orientierten Ärzten behandeln lassen im Vergleich mit Kontrollgruppen, auch zu Waldorf-Schülern, Bauernkindern im Vergleich zu sonstigen Kindern. Es gibt inzwischen zu solchen Studien auch eine "Metastudie" (2), die 170 solcher Einzelstudien vergleichend beschrieben und ausgewertet hat. In dieser Schweizer Metastudie werden also noch viele weitere Einzelstudien der letzten Jahre und Jahrzehnte genannt, aus denen man sich Daten zur Sozialstruktur und zu Familiengrößen der Anthroposophen heraussuchen kann. Auch hat Michael Blume eine Magisterarbeit von Carsten Ramsel angekündigt, in der Aussagen zur "Religionsdemographie" der Anthroposophen gemacht werden. All diese Quellen lassen ein ähnliches Bild aufscheinen:

Menschen, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen, bzw. dementsprechende Patientengruppen in deutschsprachigen Ländern, den Niederlanden oder auch in Schweden, zu tausenden untersucht, bestehen zu einem viel höheren Anteil aus Menschen mit Hochschulabschluß als die Durchschnittsbevölkerung, der Anteil der Alleinlebenden unter ihnen ist leicht niedriger, der Anteil jener unter den Waldorf-Schülern, die ältere Geschwister haben, ist leicht höher, die Familiengröße, bzw. die Zahl der Personen pro Haushalt ist leicht überdurchschnittlich. Es gibt unter ihnen wesentlich weniger Raucher und Übergewichtige. Es gibt nicht nur über 200 Schulen mit 80.000 Waldorf-Schülern und jährlich 5.000 Abiturienten in Deutschland, sondern - für mich überraschend - auch ganze Krankenhäuser und Altersheime von und für Anthroposophen. Räumliche Schwerpunkte der Anthroposophen in der BRD sind Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Sind Anthroposophen Christen?

Es muß noch die Beziehung der Anthroposophen zu den christlichen Kirchen untersucht werden. Die 1922 gegründete anthroposophische "Christengemeinschaft" sieht - laut einer bayerischen Kirchenzeitung von 2002 (ein Netzfund) - die christlichen Kirchen als eine durch die Geschichte überwundene Form der Religiosität an, toleriert aber Doppelmitgliedschaft, während bspw. die Evangelische Kirche einer solchen Doppelmitgliedschaft mit sehr gerunzelter Stirn gegenüber zu stehen scheint.

Ist aber nun der "anthroposophische Lebensstil" wesentlich von der Tatsache geprägt, daß das Christentum in der Anthroposophie noch eine Rolle spielt? Nach meinem persönlichen Eindruck zunächst nicht. Aber man sollte der Frage nachgehen, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen und zugleich noch nicht aus der christlichen Kirche ausgetreten sind.

Warum sind die Anthroposophen wichtig?

Insgesamt jedenfalls könnte man die Anthroposophen deshalb als wichtig ansehen, weil sie offenbar bislang einer der wenigen klareren Beweise dafür darstellen könnten, daß auch eine vorwiegend nicht-monotheistische Spiritualität und Weltanschauung in moderner Zeit dazu fähig ist, überdurchschnittliches soziales Engagement, überdurchschnittliche Familien- und Haushaltsgrößen, überdurchschnittliches Interesse von Frauen an diesem Lebensstil, überdurchschnittlich gesunde Lebensweise und insgesamt auch überdurchschnittliche Geburtenraten hervorzubringen. Dies wäre dann ein Beweis dafür, daß auch nicht-monotheistische Weltanschauung und Religiosität (Spiritualität) in heutigen westlichen Gesellschaften an sich dazu befähigt sind, die Geburtenraten zu erhöhen. Ein Beweis, auf den sich die Wissenschaft, soweit ich sehe, bislang noch nicht eingeschossen hat. Diese Fähigkeit weist also auch in modernen westlichen Gesellschaften nicht nur monotheistische religiöse Verbundenheit auf. Ich denke, dies sollte ein für viele Menschen nicht ganz unwichtiger Befund sein.

Insbesondere die Tatsache, daß höhere Bildung auch in nicht-monotheistischen Zusammenhängen mit überdurchschnittlicher Geburtenrate gekoppelt sein kann, sollte aufhorchen lassen.
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Ausgewertete Literatur:

1. Roland Unkelbach u.a.: Unterschiede zwischen Patienten schulmedizinischer und anthroposophischer Hausärzte. In: Forsch Komplementärmed 2006;13:349–355, Published online: November 3, 2006
2. Gunver S. Kienlea u.a.: Anthroposophische Medizin: Health Technology Assessment Bericht – Kurzfassung. In: Forsch Komplementärmed 2006;13(suppl 2):7–18
3. Helen Flöistrup u.a.: Allergic disease and sensitization in Steiner school children. In: J ALLERGY CLIN IMMUNOL, JANUARY 2006, Available online November 29, 2005
4. Harald J. Hamre u.a.: Anthroposophic vs. conventional therapy of acute respiratory and ear infections: a prospective outcomes study. In: Wien Klin Wochenschr (2005) 117/7–8: 256–268
5. H. J. Hamre u.a: ANTHROPOSOPHIC THERAPIES IN CHRONIC DISEASE: THE ANTHROPOSOPHIC MEDICINE OUTCOMES STUDY (AMOS). In: Eur J Med Res (2004) 9: 351-360
6. Johan S Alm u.a.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. In: Lancet 1999; 353: 1485 – 88

Sowie zahlreiche deutschsprachige Netzseiten zu anthroposophischen Themen und von anthroposophischen Organisationen.

Khaled Hosseini - Drachenläufer

Der Film "Drachenläufer" nach dem gleichnamigen, 2004 erschienenen Roman-Bestseller von Khaled Hosseini, der am 17. Januar in den deutschen Kino's angelaufen ist, ist wirklich gut. Ein wirklich guter Film. Man erfährt zum ersten mal (!) etwas von dem traditionellen Denken in den Stämmen Afghanistan's, insbesondere bei den Paschtunen, ein Denken in den Kategorien von Ehre und Respekt, das sich auch bei modern denkenden Paschtunen gehalten hat, selbst bei jenen, die in die USA emigriert sind. Und dieses Denken kann einem auch Achtung abgewinnen, da es Menschen auch veranlassen kann, um gewisser Prinzipien willen sehr edel zu handeln, um gewisser Prinzipien willen ihre Heimat zu verlassen, ihr Leben auf das Spiel zu setzen - mitten aus dem Alltag heraus.

Filmszene

Traditionell-modernes Stammesdenken in Afghanistan

Man erfährt auch, daß dieses Denken bei modern denkenden Afghanen das Denken in den Kategorien von Verachtung der Angehörigen anderer Stämme (hier der Hazara) überwinden kann - eines der Hauptthemen dieses Romans und Films. Es gibt übrigens Vermutungen, daß die Hazara Nachkommen der Mongolen unter Tschingis Khan waren.

Filmszene

Die sowjetische Invasion in Afghanistan wird ganz und gar als das dargestellt, was sie war: abscheulich und hassenswert. Die fanatischen Mullah's und die Taliban werden als das dargestellt, was sie - offenbar - wirklich zu großen Teilen waren und sind: zutiefst abscheulich und hassenswert. Es kommt aber auch zum Ausdruck, daß die Herrschaft der Taliban zu Teilen nur eine Folge der sowjetischen Besatzung und des Widerstandes gegen sie war.

Das eine Extrem wurde mit einem anderen Extrem beantwortet - wie so oft in den letzten hundert Jahren. Und heute hat man in Afghanistan damit immer noch zu tun - mit den Folgen der russischen Besatzung. Auch in Tschetschenien war und ist es nicht anders. Und die Gemäßigten, die aber dennoch das traditionelle Denken in moderne Zeiten retten wollen, so wie offenbar Khaled Hosseini selbst, sowie der Vater und Schwiegervater des Protagonisten im Roman, sie werden zwischen den Mühlsteinen der Geschichte zerrieben.

Khaled Hosseini

Der 1967 geborene Khaled Hosseini sagt über seinen Roman (berlinverlage.de):
Ich wollte die Leute daran erinnern, daß es ein Afghanistan vor der sowjetischen Invasion von 1979 gab und daß Afghanistan jahrzehnte lang in Frieden gelebt hatte, ohne daß irgend jemand eine Rakete abfeuerte. (...) Da ich in dieser Zeit - den letzten Jahren der Monarchie, der Geburt der Republik und den ersten Jahren von Daoud Khans Herrschaft - in Kabul gelebt habe, fühlte es sich richtig an, darüber zu schreiben.
Der Autor Khaled Hosseini setzt sich inzwischen auch für andere vergewaltigte Völker in der Welt ein. (UNHCR)

Warum - erst - jetzt?

Der Film ist also wirklich gut. Ich frage mich nur eines: Warum jetzt? Warum - erst - jetzt? Als ich vor Jahren auf dem Stand der "Gesellschaft für bedrohte Völker" auf der Buchmesse in Frankfurt half und unser Thema die Unterdrückung der Frau in Afghanistan war, hatte ich sogar Gelegenheit, mir von Afghanen selbst die Situation in Afghanistan erklären zu lassen. - Ich habe dabei damals praktisch nichts verstanden. Es kam mir alles viel zu kompliziert vor. Der Film jetzt gibt mir zum ersten mal einen echten Einblick, so daß ich mir sage: Ja, ich glaube, etwas über die Situation in Afghanistan zu verstehen.

Noch einmal: Warum erst jetzt?

Warum ist eine solche gute filmische Darstellung, die tiefer in das eigentliche innere Leben und Denken der Menschen in Afghanistan einführt, und die zugleich einen solchen Bekanntheitsgrad bekommen hat, nicht schon viel früher, vor Jahren, vor Jahrzehnten in die Kino's gekommen? Warum haben zumindest ähnlich wertvolle Filme von Tschetschenen selbst über das Schicksal ihres eigenen Landes, Filme, die ich selbst zu später Stunde im deutschen Fernsehen zufällig habe sehen können, niemals einen solchen Bekanntheitsgrad erhalten, eine solche Breitenwirkung in der westlichen Welt entfalten können?

Ich mißtraue der "public relations-Industrie" zutiefst. Ich habe den Verdacht, auch dieser Film dient einem sehr vordergründigen politischen Zweck: Er soll den eigentlich sowieso nur noch dumpf bestehenden Widerstand in der westlichen Welt gegen den Einsatz internationaler militärischer Kräfe, unter anderem auch deutscher in Afghanistan psychologisch-emotional unterlaufen. Er soll diesen Einsatz rechtfertigen. Man sagt sich: Jetzt, wo ich etwas mehr über Afghanistan weiß, verstehe ich auch, warum deutsche Truppen dort sein müssen. Warum es gut ist, daß sie dort sind ...

Hosseini und Forster, der Macher des Filmes

Oh, die "public relations-Industrie" ist eine sehr perfide Angelegenheit und ich mißtraue ihr zutiefst. Der Film ist gut. Und Khaled Hosseini ahnt bestimmt nicht besonders scharf, daß er "benutzt" wird. Oder er duldet es ... Oh, diese perfide "public relations-Industrie". Menschliches Leid wird fast immer erst dann für sie interessant, wenn es zu politischen Zwecken ausgeschlachtet werden kann. Noch einmal: Das ändert nichts daran, daß der Film gut ist. Auch der Roman "Nicht ohne meine Tochter" vor allerhand Jahren war gut, selbst wenn seine Popularität auch damals wahrscheinlich gewissen politischen Zwecken gedient haben dürfte.

Hosseini mit Dabbelju

So edel wie die Paschtunen in dem Film denkt doch in der "public relations-Industrie" heute keiner mehr ...



Khaled Hosseini in Dafur

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Ergänzung 23.1.07: Aha, wer sagt es denn. - Meldung von heute: "Bundeswehr-Kampfeinsatz in Afghanistan rückt angeblich näher". (Yahoo)

Sonntag, 20. Januar 2008

Die letzten Naturvölker auf der Erde - ihr Schutz, ihre Erforschung ist ein großes Abenteuer

Ein unglaubliches Buch! Über 500 Seiten hat es. Und man denkt etwa nach den ersten hundert Seiten, nun hätte man aber bestimmt schon die spektakulärsten Inhalte dieses Lebensberichtes gelesen, noch Spannenderes kann ja nun wohl nicht mehr kommen. Nun muß es ja doch - irgendwann - einmal etwas "gewöhnlicher" werden in diesem Buch. Aber weit gefehlt. Ein Buch voller Abenteuer, voller Überraschungen, voller unterschiedlicher Erlebnisse und menschlicher Begegnungen. Die Spannung erreicht noch Höhepunkte, wenn man sich dem Ende dieses Bandes nähert.

Autor Roland Garve

Die Rede ist von "Kirahe - Der weiße Fremde", dem im letzten Jahr erschienenen Lebensbericht des 52-jährigen Zahnarztes, Völkerkundlers und Filmemachers Roland Garve, über das an früherer Stelle (9.12.07) schon einmal berichtet worden war, nachdem die ersten hundert Seiten gründlich gelesen waren. Aber wie wenig hatte man damit erst von diesem Buch gelesen. Nun aber bin ich mit dem gründlichen Lesen ganz durch. Und immer noch ganz gefangen, gefesselt von diesem "Abenteuer"-Bericht.

Der Selbstmörder-Stamm der Suruaha

Zum Schluß wird es noch einmal kraß dramatisch. Da reist Roland Garve zu dem südamerikanischen "Selbstmörder-Stamm" der Suruaha (auch Zuruaha) - einer ethnischen Ausnahme-Erscheinung, von der man absolut nicht glauben sollte, daß es etwas derartiges gibt: Ein Stamm, in dem fast alle Stammesmitglieder zumeist schon in frühen Jahren Selbstmord begehen. Da genug Kinder geboren werden, ist er mindestens in den letzten hundert Jahren nicht vom Aussterben bedroht gewesen und so auch nicht in der Gegenwart. Sie nehmen eine Selbstmord-Droge - oft aus ganz nichtigen Anlässen oder aus einer flüchtigen, alltäglichen Enttäuschung heraus. Und sie überlassen es dem Zufall, der Dosis, den anderen, helfenden oder nicht helfenden Stammesangehörigen, ob sie die jeweilige Dosis überleben werden, oder ob sie "hinüber" gehen werden zu den Verwandten, zu den schon Voraus-Gegangenen. Denn sie sind fest davon überzeugt, daß alle Selbstmörder in einem "Jenseits" weiterleben werden. Alle jene aber, die sich nicht selbst umbringen, werden auch nicht im Jenseits weiterleben.

Typische Gesichter des Stammes der Suruaha
(Titelfoto eines anderen Buches über die Suruaha von Gernot Schley)

Das, was man - mehr aus Spaß - immer zu Christen und anderen Menschen gesagt hat, die an ein Weiterleben nach dem Tod glauben - nämlich, daß ihnen doch der Tod das erfreulichste Ereignis ihres Lebens sein müßte, da sie doch dann in das Paradies kommen würden, das leben diese Amazonas-Indianer tatsächlich mit einer derartigen schlichten und einfachen Konsequenz, die aber zugleich vollkommen erschreckend und erschütternd ist. Die bringen sich tatsächlich selber um. Und derjenige, der es nicht schafft, die alten Leute also, sind sozial massiv geächtet in diesem Stamm, werden gehänselt und ausgelacht bei jeder sich bietenden Gelegenheit - und zwar oft am meisten von den eigenen Kindern! - Diesen Bericht auf den Seiten 496 bis 518 muß man erst einmal verdauen. ... Ich habe das noch nicht. Ich glaube, dazu braucht man eine ganze Weile. Und dieser Bericht ist wirklich geeignet, manches am eigenen Weltbild zu verändern. Man möchte glauben, daß er ein starkes Argument sein könnte in religiösen oder philosophischen Grundsatz- und Weltbild-Debatten.

Man möchte fast vermuten, daß unter allen Menschen, die an ein Weiterleben nach dem Tod wirklich glauben, die Suruaha die ehrlichsten, wahrhaftigsten und konsequentesten sind. Aber von wieviel schriller Wildheit ist eine solche "Glaubenspraxis" im Alltag begleitet! (Nachtrag Juli 2009: Der begeisternde, halbstündige Film von Roland Garve über seine Reise zu den Suruaha ist für nur 99 Cent hier zu sehen.)

- - - Dabei hatte man zuvor schon zu "knabbern" genug gehabt an dem Bericht, der von der Erst-Kontaktierung eines (nach außen hin) sehr gewalttätigen Indianer-Stammes handelte, der noch niemals zuvor friedliche Kontakte zur nicht-indianischen Außenwelt hatte, nämlich der Korubo (Seiten 428 bis 480). Und davor der Bericht über die Besuche bei den Zoe, dem Lieblingsstamm Roland Garves. Und dann so viele anderen Berichte mehr. Etwa über einige der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte und Gegenwart der Erforschung und des Schutzes der Indianer-Stämmer Brasiliens, unter denen sich viele Deutsche befinden, von denen man aber noch nie etwas zuvor gehört hatte. Etwa der jüngst verstorbene Deutsche Jesco von Puttkammer, ein Neffe des letzten Gouverneurs der deutschen ostafrikanischen Kolonie Kamerun, selbst nun Zeit seines Lebens der bedeutendste Fotograph der Indianer-Stämme Südamerikas. Aber noch so viele andere Dinge mehr.

Ein "Selfmade"-Mann auf dem Gebiet der Völkerkunde

Und dann über die Arbeit der brasilianischen Indianer- und Regenwald-Schutzbehörde, mit der Roland Garve und seine sächsischen Völkerkunde-Freunde in enge Zusammenarbeit kamen. Und dann über die in Brasilien offenbar so wertvolle Arbeit der deutschen GTZ, der deutschen "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit", die Wertvolles leistet bei der Erhaltung der südamerikanischen Regenwälder. Und über so vieles andere mehr.

Ich wiederhole: Dies ist ein ganz unglaubliches Buch. Ein ganz und gar unglaubliches Buch. Von diesem Roland Garve muß man sich auch alle anderen Bücher besorgen, die von ihm bisher schon erschienen sind, und die zumindest in Südamerika weit verbreitet sind, auch unter den besuchten Indianer-Stämmen selbst, wie Garve immer wieder berichtet. Dort gelten sie nämlich als eine Art "Totenbücher", die sich die Stammesangehörigen immer wieder gern ansehen, weil sie dort inzwischen schon gestorbene Stammesangehörige abgebildet finden. (1, 2, 3, 4) Und auch all die Filme, die schon in deutschen Fernseh-Sendern von Garve ausgestrahlt worden sind, von deren Produktion er hier berichtet, würde man gerne sehen. Von einem Zahnarzt und "Selfmade"-Mann auf dem Gebiet der Völkerkunde und des Filmemachens. Ganz und gar unerwartet. - Noch einmal: Ein ganz und gar unglaubliches Buch.

Roland Garve

Man darf wohl sagen, daß hier ein Erforscher ursprünglicher Völker wie der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt in Roland Garve (und manchen seiner Kollegen) würdige Nachfolger gefunden hat. Es ist auch ein wenig erhebend zu sehen, daß es doch auch viele Deutsche in der Welt waren und sind, die sich für die Erforschung und die Erhaltung der Ureinwohner-Völker weltweit eingesetzt haben und einsetzen, und daß auch heute noch allein eine "heute Journal-Sendung" und der internationale Druck, der durch sie auf die brasilianische Regierung ausgeübt werden kann, einen Indianer-Stamm in Brasilien (die Zoe) vor der kulturellen Vernichtung bewahren kann!

Dies ist ein Buch, das einem viel Mut und auch Vertrauen in die Zukunft geben kann - bei all dem Deprimierenden, das es auch zu schildern weiß. (Etwa die Slums, in denen "christianisierte", "zivilisierte" Indianer-Stämme meistens enden ...)

Zerstörung indigener Kulturen

Ein Buch, auch z.B. deshalb so ungewöhnlich, weil es in scharfen Worten und deutlichen Kennzeichnungen die Arbeit christlicher, zumeist US-amerikanischer, sehr aggressiver Missions-Sekten verurteilt, die die Kultur unglaublich vieler Ureinwohner-Völker auf der Welt schon ganz gezielt und bewußt und mit unglaublicher Hartnäckigkeit, Energie und starkem finanziellem Hintergrund zerstört haben. Das Christentum scheint weltweit und Jahrhunderte lang immer mit den gleichen Methoden gearbeitet zu haben, von denen Garve nun auch in Brasilien erfährt (S. 363):
"Sie haben ein ausgeklügeltes System, sich den Naturvölkern zu nähern, sie zu manipulieren und dann umzudrehen. (...) Dabei würden die Missionare geschult, in die Seelenwelt der Eingeborenen einzudringen, um deren 'Knackpunkte' zu finden: Was ist identisch mit dem Christentum? Wo kann man ansetzen? Was entspricht in ihrer Kultur dem Teufel und was könnte mit Jesus identifiziert werden? Anschließend werde zunächst das christliche Universum quasi in die einheimische Kultur 'übersetzt', um die 'heidnische' Identität zu überlagern und auszulöschen. Mit dem ständigen 'Wort Gottes' im Nacken sollten sodann indigene Wertvorstellungen und religiöse Denkinhalte systematisch verändert werden. (...) Diese Missionare machten vielerorts stolze Waldbewohner zu gebrochenen Almosenempfängern."
- Aber allein dieses Thema wäre mehrere neue Blog-Einträge wert - wie so viele andere in diesem Buch angesprochene Themen. Roland Garve eröffnet dem Leser einen völlig neuen Blick in die Welt des Schutzes der menschlichen kulturellen Vielfalt weltweit.

Man wird ihm dafür ein tief empfundenes Wort des Dankes sagen müssen. Und man kann nur hoffen, daß er noch viel auf dieser Linie künftig wird berichten, erforschen und dokumentieren können. Wenn man weiß, daß sich solche Menschen wie Roland Garve des Schutzes des kulturellen Erbes und der kulturellen Vielfalt der Menschheit annehmen, dann meint man, dieselben in guten Händen zu wissen.

(Der Text dieses Beitrages wurde nach der Erstveröffentlichung hier auf dem Blog noch leicht überarbeitet und verändert.)

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