Sonntag, 31. August 2008

Wie entstehen und entwickeln sich arbeitsteilige Gesellschaften?

ResearchBlogging.org
Der große Urknall in der "Evolution" hochgradig arbeitsteiliger, städtischer Gesellschaften, also von Hoch- und insbesondere Schriftkulturen wird immer noch mit den Städten Ur und Uruk im Süden des heutigen Irak (Südmesopotamien) in Verbindung gebracht, wo nach Vorläufer-Kulturen grob um 3.200 v. Ztr. ein mächtiges Reich und ziemlich bald auch eines der ersten bekannten Schriftsysteme der Menschheit entstanden. Immer mehr rücken aber in den letzten Jahren die Oberläufe von Euphrat und Tigris (also unter anderem das heutige nördliche Syrien, Nordmesopotamien) in den Vordergrund, wenn es um die Frage nach der Entstehung erster städtischer Hochkulturen, Großreiche geht und um ihre lange Vorgeschichte. (Siehe auch Karte.) Auch hier bildeten sich zeitgleich zu - und zunächst unabhängig von - Südmesopotamien städtische Zentren heraus, die sich gegenseitig bekriegten, wie archäologisch nachweisbar ist (Andrew Lawler: Murder in Mesopotamia? Science, Vol 317, 31.8.07, S. 1164f). (Siehe auch Studium generale 1, 2.)


Man kann von einer typisch "assyrischen" oder "alttestamentarischen" Kriegführung sprechen, die gekennzeichnet ist durch die emphatische Ausrottung ganzer Städte und Völker im Namen einer anderen Volks- oder Reichsgottheit, bzw. eines religiösen oder weltlichen Despoten. Und genau eine solche scheint in dieser Region - auch nach diesen neuerlichen archäologischen Forschungen - schon sehr früh begonnen zu haben. Und sie scheint über die Jahrtausende hinweg dort immer wieder praktiziert worden zu sein. Schon in den vorkeramischen ersten Städten der Menschheit (die archäologische Stufe des "PPNB") finden sich die sogenannten "plasterd skulls", die vermutlich "Stadtdespoten" abbilden. Und schon bei diesen scheint man diese Erbarmungslosigkeit im Umgang mit Mitmenschen herauslesen zu können. Einen ähnlichen Eindruck üben auch auch die zeitgleichen, grausam wirkenden weiblichen "Kaffeebohnenaugen-Gottheiten" jener vorkeramischen Zeit auf einen aus.
Hier kann also überall von despotischen Eliten ausgegagen werden, die die Voraussetzung bildeten, daß sich größere Menschenmassen in rigiden stadtstaatlichen Systemen zu stärker arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften ausbilden konnten.
Der friedliche Siedlungsverlauf
Inzwischen ist jedoch auch der friedliche Siedlungsverlauf, die Siedlungsverdichtung eines der sicherlich bedeutendsten, frühen städtischen Zentren der späten Kupferzeit im nördlichen Syrien genauer unter die Lupe genommen worden, nämlich des Tell Brak (Jason A. Ur, Philip Karsgaard, Joan Oates: Early Urban Development in the Near East. Science, Vol. 317, 31.8.07, S. 1188). Hier bildeten sich um ein städtisches und religiöses Zentrum (mit Tempel und "Industrie") sehr früh schon etwas abgelegenere, dieses umgebende vorgelagerte Dörfer, bzw. sekundäre städtische Zentren. In den weiteren Jahrhunderten wurden dann die zuvor unbesiedelten Zwischenräume schrittweise aufgesiedelt und es kam zu einer Siedlungsverdichtung wie wir sie ja auch von der Entwicklung moderner europäischer Großstädte kennen, die schrittweise immer mehr früher selbständige Dörfer und Städte eingemeindeten und die siedlungsleeren Zwischenräume auffüllten (siehe auch Abbildung):
Urban growth at Brak began in the Late Chalcolithic (LC) 2 period [circa (c.) 4200 to 3900 calendar years before the common era (cal BCE)].

("Chalcolithic" ist "Kupferzeit": Wiki, Wiki-deutsch - der Begriff "Steinzeit", etwa in "Jungsteinzeit" oder in "Kupfersteinzeit" weckt ganz falsche Assoziationen. Man denkt dabei eher an Neandertaler als an moderne, arbeitsteilige Dorf- und Stadt-Gesellschaften wie sie hier aber doch vorliegen. Deshalb kann es sinnvoll sein, diese Begriffe möglichst wenig zu benutzen.)
We calculated the total settled area at 55 ha, at a time when few contemporary settlements exceeded 3 ha. (...) During the early to mid-fourth millennium BCE (LC 3 to 4, 3900 to 3400 cal BCE, Fig. 1B), outer town settlement expanded inward. Many formerly unsettled areas were then filled. The central mound hosted large industrial structures and at least one elaborately decorated temple. The total LC 3 to 4 settled area grew to 130 ha. We interpreted the abundance of surface ceramics as an indicator of increased density of occupation. Thus, settlement density increased along with spatial extent. At this time, the largest of Brak’s neighbors reached only 15 ha, and only one contemporary settlement in southern Mesopotamia, Uruk, exceeded it in size.

Vor allem diese Interpretation der erforschten Befunde wirft bedeutendere Grundsatz-Fragen auf:
Elite coercion does not appear to be solely responsible for the initial development of urbanism at Brak. It seems likely that urbanism was at least in part the unintended result of the actions of autonomous and nonhierarchically ranked groups.

Soziale Entwicklung nur auf der Grundlage des Gegenseitigkeits-Prinzips?
Wenn eine hochgradig arbeitsteilige Gesellschaft entsteht, kann dies dann nur durch Despotie und große Strafanreize entstehen, wie man dies von den ersten großen Hochkulturen und ihren auf einzelne absolute Monarchen zugeschnittenen Gesellschaftssystemen vermuten darf? Nein, es sollte auch noch andere Quellen für menschlichen Altruismus geben, als bloß despotische, polizeistaatliche Strafanreize. "Despotische" Straf- und Lohnanreize von seiten einer erbarmungslosen Elite würden ja - letztlich - doch nur allein dem Gegenseitigkeits-Prinzip in sozialen Interaktionen "irgendwie" zum Erfolg verhelfen, das, wie wir wissen, täuschungsanfällig ist, also vieler "Polizeikräfte" bedarf, die dann wieder von Mafiabanden unterwandert werden können. Man braucht dann einen despotischen, tyrannischen Gott als "dritten Bestrafer im gesellschaftlichen Third Party-Punishment-Spiel" (siehe etwa: St. gen.). Die Flexibilität einer solchen Gesellschaft geht schnell verloren, wie siebzig Jahre Sozialismus oder die Verhältnisse im italienischen Mezzogiorno zur Genüge aufgewiesen haben.
Also Gruppenselektion wie von Jonathan Haidt und immer mehr Forschern vermutet (siehe Beitrag von gestern - Stud. gen.)? - Vielleicht. Aber man könnte noch etwas anderes vermuten, nämlich einen Abgleich des Hamilton'schen Verwandten-Altruismus nach den von Adam Smith erstmals formulierten Gesetzmäßigkeiten der Arbeitsteilung. Verwandten-Altruismus wird leichter, kann auf mehr Menschen mit geringerem durchschnittlichen Verwandtschaftsgrad ausgedehnt werden, wenn man sich spezialisiert, wenn man also mit weniger Aufwand mehr produziert. Das ist - übrigens - die Grundthese einer von dem Autor dieser Zeilen schon vor allerhand Jahren an der Universität Gießen begonnenen Doktorarbeit. Auch bei fortlaufender Durchsicht der Forschungsliteratur findet sich in den letzten Jahren keine Arbeit, die eine solche These konsequenter verfolgen würde. Dabei könnte man wenig als naheliegender empfinden als einen solchen evolutionspsychologischen Zusammenhang.
Ein "nichtzentralisierter" gesellschaftlicher Prozeß
Die Autoren beenden ihren kurzen Artikel mit den Worten, der erforschte Siedlungsprozeß im historischen Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende
suggests a greater role for noncentralized processes in the initial growth of Brak and lesser importance for centralized authority; it also suggests that the study of Mesopotamian urbanism must accommodate multiple models for the origins of cities.
Ein "nichtzentralisierter" gesellschaftlicher Prozeß bedeutet, daß viele Menschen Verantwortung übernehmen und tragen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Mehr oder weniger selbstgewählte Verantwortung (englisch: "commitment") ist etwas, das - wie viele Arbeitgeber und Firmen wissen - letztlich gar nicht "bezahlt" werden kann, nicht auf der Grundlage des "Gegenseitigkeits-Prinzips" "entlohnt" werden kann. Immer mehr Forscher (siehe 1, 2) , zum Beispiel auch Christian Cordes am Max Planck-Institut für Ökonomik in Jena (siehe Bild), ziehen deshalb zur Erklärung dieses "commitment" eine ethnische oder "quasi-ethnische" ("pseudo-ethnische") Komponente in Betracht: Man identifiziert sich mit seiner Firma wie früher der Mensch sich mit seinem Stamm identifiziert hat und entfaltet aus dieser Identifikation heraus berufliches Verantwortungsgefühl, das keiner ausgefeilten Kontrolle "von oben" bedarf, um zu funktionieren. (Also das stalinistische Prinzip des Verdachts - "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" - kann in ein freiheitlicheres Prinzip des Vertrauens umgewandelt werden: Vertrauen ist gut und Kontrolle ist nur noch sporadisch nötig).
Da ist dann - freilich noch nicht besonders explizit und präzise - der Verwandten-Altruismus "irgendwie" wieder in die Erforschung arbeitsteiliger, wirtschaftlicher Systeme zurückgekehrt. Er könnte auch hochgradig arbeitsteilige Dienstleistungs-Gesellschaften innerlich flexibel erhalten. - Und so wird es sicher sinnvoll sein, weiter an einer präziseren theoretischen Fassung derartiger kausaler Zusammenhänge arbeiten. Auch andere Autoren (3) sollte man dabei im Blick behalten.
(ursprünglich veröffentlicht 25.11.2007)
1. Nesse, Randolph M. (ed.): Evolution and the Capacity of Commitment. 2002
2. Cordes, Christian (MPI für Ökonomik, Jena): diverse Publikationen
3. Salter, Frank: On Genetic Interest. 2006
4.
J. A. Ur, P. Karsgaard, J. Oates (2007). Early Urban Development in the Near East Science, 317 (5842), 1188-1188 DOI: 10.1126/science.1138728

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