Sonntag, 4. November 2007

Warum sollte es Juden / Deutsche / Christen etc. geben?

Man ärgert sich so oft über die Beiträge im amerikanisch-jüdischen Online-Kultur-Magazin "Jewcy", daß man sich fortlaufend vornimmt, den Newsletter-Bezug einzustellen. Schon allein deshalb, weil man viele hier geführte inner-(amerikanisch-)jüdische Debatten nicht von vornherein in ihren Anlässen und Zielrichtungen versteht, und weil man sich denkt: Was will der Autor hier eigentlich schon wieder? Warum die Emphase? Auch reden einem hier oft (zumindest scheinbar) zu viele Söhne und Töchter von Rabbinern mit, die damit spielen, intellektuell "trotzdem" "super-cool" zu sein ... Ach, solche Dingen können einem schon ganz schön auf die Nerven gehen.

Aber dann - zwischendurch - kommen immer mal wieder Beiträge, da denkt man sich: Hu! Darauf wäre man jetzt - so ohne weiteres - nicht gekommen. So zumindest nicht. Das ist irgendwie genial.

So gibt es derzeit eine innerjüdische Debatte darüber, ob "jüdische Werte" es eigentlich wirklich wert sind, erhalten zu werden in der Welt. Als Deutscher stellt man sich natürlich gleich die parallele Frage, aha, ähm ...: 1. Gibt es "deutsche Werte"? (Hm ... sicherlich ... Distinkter wären dann wohl noch "preußische", "bayerische" - aber gewiß: auch deutsche). 2. Sind es deutsche Werte eigentlich wert, in der Welt erhalten zu werden? (- ??)

Merkwürdigerweise stellen sich wenige Deutsche solche Fragen. Noch am ehesten wurde (zumindest in früheren Jahrzehnten) oft über die "deutsche Identität" diskutiert, was das eigentlich wäre etc., also über die Frage, ob das eigentlich irgendeine Bedeutung hat, wenn man "Deutscher/Deutsche" ist oder ob das absolut irrelevant für das Menschsein an sich ist. Und nun gibt es da einen Noam Feldman, von dem folgendes berichtet wird (Jewcy):
(...) He put forth a third opinion: There’s no point in preserving Jewish values if they’re not worth saving. Rather than argue about how best to sell them to the 12 million unaffiliated Jews of the world, we should be examining them critically, to see what good they do. “We are not in the business of preservation for its own sake,” he said, “at least we ought not to be.” (...)
Das kann man als einen tollen Ansatz empfinden! Man solle ethnische Werte nicht einfach "um ihrer selbst willen" bewahren wollen, sondern sollte nach dem Sinn eines solchen Bewahrens fragen.

Übrigens könnte man sich eine solche Frage doch auch als Christ stellen und bezüglich christlicher Werte. Aber warum kommt einem letzteres nun wieder ziemlich schrill vor? Weil es einem in religiösen Fragen ja nicht darum geht, ob Werte "gut" oder "schlecht" sind, sondern aus welchem Gesamtzusammenhang heraus sie gerechtfertigt werden. - Gut, eine solche Frage scheinen sich die Juden in der "Noam Feldman-Debatte" gar nicht zu stellen. Es geht gar nicht um die Frage, ob "jüdische Werte" aus einem religiösen Gesamtzusammenhang abgeleitet sind, der schon per se geschichtlich und intellektuell seit langem überholt ist. Hm! Wieder einmal ein ganz anderer Ansatz, als man ihn aus seiner eigenen Kultur kennt.

Bei so etwas fällt einem immer der dänisch-jüdische Atomphysiker Nils Bohr ein, der auf die Frage, warum er abergläubisch ein Hufeisen über der Tür hängen habe, antwortete: "Mir wurde gesagt, daß es Glück bringt auch dann, wenn man nicht dran glaubt." Das ist wohl eine sehr "rabbinische" Antwort ... Und so denken wohl heute viele Juden, die nicht bereit sind, ihre jüdische Identität (völlig) aufzugeben.

Das Spannende am Judentum ist ja, daß bei ihm Ethnizität und Religosität zusammenfallen, das ist ein Umstand, der nur noch für wenige Völker in der Welt gilt, denn ein Großteil der Völker glaubt ja, wenn, dann ebenfalls an den jüdischen Gott und nicht an irgend einen eigenen Gott. Wäre letzteres der Fall, könnte man wohl eher sagen: "Gut, die ganze germanische Edda-Götterwelt ist ein wenig schizophren in unserer Zeit. Aber daß da noch Menschen dran glauben, könnte 'gut für unser Volk sein'". (Ich glaube, so ähnlich denken auch viele atheistische Juden in Bezug auf ihr Volk.)

... Man sieht an letzterem Beispiel schon ein wenig deutlicher das Schillernde und Schrille eines solchen Ansatzes ...

Daß heute übrigens so viele nichtjüdische Völker an einen jüdischen Gott glauben, ist auf die Bemühungen in Bezug auf Proselyten-Machen von Seiten der Juden in der Antike zu rückzuführen, als die römischen Kaiser immer wieder Gesetze dagegen erließen, daß Juden ihre nichtjüdischen Sklaven beschnitten und auch andere Nichtjuden religiös zu Juden machten. Aus diesen jüdischen Bemühungen gingen Christentum und Islam hervor, vielleicht die erfolgreichste Missions-Bewegung der Weltgeschichte.

Interessant aber nun auch die "jüdischen Werte", von denen man glaubt, sie seien es wert, in der Welt heute bewahrt zu werden:
"(...) education, tzedakah, belief in the here and now, a beneficial sense of outsiderness, a strong sense of group responsibility, and an ability to succeed any society based on individualism and meritocracy. These six values make Jews special. (...)"
Puh, da kommen wir aber mit "unseren" germanischen Göttern nicht mit! "Ein starker Sinn für Gruppenverantwortung." "Die Fähigkeit, die Nachfolge jeder Gesellschaft anzutreten, die auf Individualismus und dem Leistungsprinzip aufgebaut ist." (- Richtig übersetzt?!?)

Außerdem übrigens diskutiert der konservative amerikanische Journalist John Derbyshire in der neuesten Ausgabe mit Gideon Aronoff über die Frage, warum, ob und wie amerikanische Juden Einfluß nehmen ("sollten") auf die amerikanische Einwanderungspolitik. (Jewcy) Ausgangspunkt sind einmal aufs Neue die Thesen des amerikanischen Soziobiologen Kevin MacDonald über das Verfolgen von gruppenevolutionären Strategien durch das amerikanische Judentum ("A Culture of Critique").

John Derbyshire sagt an einer Stelle:
"Are Jews at large driven by the calculating ethnocentrism described by Kevin MacDonald? Or by the universalist humanism you profess? Something of both, would be my best guess, the mix being different under different circumstances and at different degrees of religious intensity."
Die Antwort lautet:

"A Jewish Perspective Can Be Both Fully Universalist and Fully Particularist."

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