Mittwoch, 7. November 2007

Der Mensch - gefangen in der "hedonistischen Tretmühle"?

Dr. Michael Schmidt-Salomon (= MSS), prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes, redet in seinem außerordentlich lesenswerten Büchlein "Manifest des evolutionären Humanismus" (1. Aufl. 2005) einem "aufgeklärten Hedonismus" das Wort. Z.B. in dem Kapitel "Sinn und Sinnlichkeit - Warum uns der evolutionäre Humanismus nahe legt, aufgeklärte Hedonisten zu sein".

Abb. 1: Georg Emanuel Opitz (1775–1841) - "Der Völler", 1804
Wenn man solche Dinge liest, scheint einem das doch eine sehr schwache Stelle eines evolutionären Humanismus zu sein. Hedonismus? Und das soll dann alles gewesen sein? Wen lockt man denn damit hinter dem Ofen hervor? Hedonismus verleitet doch immer dazu, sich nicht ausreichend für jene zum Teil sehr anspruchsvollen Ziele einzusetzen, für die auch der evolutionäre Humanismus steht. War Giordano Bruno etwa hedonistisch, als er auf dem Scheiterhaufen auf dem Campo fiore in Rom stand?!! Und lautet nicht in den ebenfalls sehr lesenswerten, von MSS vorgeschlagenen neuen 10 Geboten das 10. Gebot:
Stelle dein Leben in den Dienst einer 'größeren Sache', werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerten Ort machen woll(t)en! (...)
Wird man einer solchen Aufgabe, einer solchen Tradition wirklich am ehesten gerecht als "Hedonist"? Ist die Notwendigkeit zur Einsatzbereitschaft, zur Opferbereitschaft heute geringer als zu den Zeiten von Giordano Bruno? Man möchte das nicht glauben. Viel eher möchte man meinen, dass das "Prinzip Verantwortung" eines Hans Jonas der heutigen Situation der Menschheit gerecht wird und der heutigen Gefährdetheit des "Projektes Mensch".

Die hedonistische Tretmühle

Nun macht in englischsprachigen Netz-Diskussionen ein Wort die Runde von Seiten des Mainzer Philosophen Thomas Metzinger, ebenfalls ein prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes. Das Wort von der "hedonistic tretmill", von der "hedonistischen Tretmühle". Obwohl der recht grundlegende Text in "Gehirn und Geist" im letzten Jahr, in dem dieses Wort fiel (1), schon lange auf meiner Liste empfehlenswerter Literatur ganz oben steht, war mir dieser Begriff gar nicht mehr erinnerlich. Thomas Metzinger sagt da:
Wir sind biologische Systeme, die dazu verdammt sind, ständig nach Glück zu streben, die versuchen müssen, sich so gut wie möglich zu fühlen – nur dummerweise erlauben das Belohnungssystem in unserem Gehirn und unsere Art von emotionalem Selbstmodell keine stabile Form des Wohlfühlens.

Zwar brachten gerade die bewussten Selbstmodelle das Erleben von Freude und Glück ins physikalische Universum – an einen Ort, wo so etwas vorher nicht existierte. Doch hat uns die psychologische Evolution nicht in die Richtung permanenter Glücksfähigkeit optimiert. Im Gegenteil: Sie hat uns auf die »hedonische Tretmühle« gesetzt. Diese wird angetrieben durch den dauernden Versuch, Glück und Freude zu erleben, Schmerzen und Depression zu vermeiden. Aber auch wir selbst werden auf diese Weise ständig in Bewegung gehalten: Die hedonische Tretmühle – in Form des Belohnungssystems in unserem Gehirn – ist der Motor, den Mutter Natur uns eingebaut hat. Wir können seine Struktur in uns selbst entdecken, aber es ist unklar, ob wir ihr jemals entfliehen können. In gewissem Sinn sind wir diese Struktur. Das Ego ist die hedonische Tretmühle. (...)
Und etwas später sagt Thomas Metzinger dann:
Religiosität ist eine der ältesten Versuche, der hedonischen Tretmühle zu entkommen, und auf der Ebene von einzelnen Menschen scheint es manchmal tatsächlich eine der erfolgreichsten Strategien zu sein, einen dauerhaft stabilen Zufriedenheitszustand zu erlangen – auf jeden Fall besser als alle Drogen, die wir bis jetzt entdeckt haben.
Lernt von den Kindern!

Zunächst möchte ich dazu meinen, daß Glück und Freude auch ohne bewußte Selbstmodelle möglich sind, dazu muß man nur die herumtobenden Hunde von spazierengehenden Hundehaltern beobachten, überhaupt das endlose Spiel von vielen Tierjungen. Dazu muß man auch nur ein neugeborenes Menschenbaby anschauen - wie überhaupt menschliche Kinder einem viel über menschliches Leben sagen können, was einem die Beobachtung und Untersuchung des Lebens erwachsener Menschen nicht mehr - zumindest so deutlich - wird sagen können. (Ich betrachte Kinder - bildlich gesprochen - als eine eigene Art Homo sapiens sapiens - vielleicht die bessere Art.) Und bei der Betrachtung von Kindern wird auch sehr schnell deutlich, daß die "hedonistische Tretmühle" bei ihnen nicht zu allen Zeiten des Tages in der gleichen Weise ausgeprägt ist. Sicherlich, wenn körperliche Bedürfnisse vorliegen nach Nähe, nach Essen, Trinken und anderem, dann auf jeden Fall. Aber es gibt doch auch Zeiten selbstvergessenen Spielens, die mit dem Begriff "hedonistische Tretmühle" nur sehr unzureichend, wenn nicht ganz falsch gekennzeichnet wären.

Überhaupt hat ja schon Konrad Lorenz darauf hingewiesen, daß das "prägungsähnliche Lernen" in Form der "Liebe auf den ersten Blick" ein anderes angeborenes "Lernsystem" darstellt, als das Lernen durch Belohnung und Bestrafung. (In "Die Rückseite des Spiegels".) Hier bietet also das naturalistische Weltbild allerhand Möglichkeiten an, jenseits eines überirdischen Glaubens an einen persönlichen Schöpfergott "Fluchtmöglichkeiten" aus der "hedonistischen Tretmühle" zu entdecken und zu nutzen. Wir sollten das vermehrt tun. Es gibt den Blick besser frei auf viele heutige gesellschaftliche Notwendigkeiten.

Und lernt von den großen Künstlern!

Friedrich Schiller sagt: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." (Manfred Eigen hat zu dem Thema ein ganzes Buch aus der Sicht der Theorie komplexer Systeme geschrieben: "Das Spiel".) Aber Kunst ist für Schiller nicht nur "eitel Spielerei", sagt er doch den Künstlern, was die Stirnseite des Schauspielhauses in Wiesbaden noch heute der Welt verkündet:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben.
(Aus dem Gedicht "Die Künstler".) - Ein großes Wort. Sollten sich von einem solchen heute nicht auch Wissenschaftler und Philosophen angesprochen fühlen? Schaden muß es ihnen nicht.

Abb. 2: Jan Steen - Sie sollte Luxus meiden, 1660/63

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  1. Metzinger, Thomas: Neuroanthropologie - Der Preis der Selbsterkenntnis. In: Gehirn & Geist 7-8/2006, S. 42 - 49

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