Dienstag, 20. November 2007

Über die Boshaftigkeit

"Uns war wichtig, daß die Menschen sich mit dem Bösen auseinander setzen."

Der Mensch kennt viele Differenzierungen, wenn es um "gut und böse" geht. Es gibt gute Menschen. Es gibt "Gutmenschen". "Gut gemeint ist oft nicht gut." Und das heißt: Selbsttäuschungen liegen vor: ich meine es gut, bin aber gar nicht gut. Wenn ich aber nicht gut bin, was bin ich dann? Bin ich böse? Liegen unter der Oberfläche "gut gemeinter" Absichten abscheulich bösartige, böswillige?

Eine hedonistische Gesellschaft neigt meistens nicht sehr stark dazu, solche sehr ernsthaften Selbstprüfungen vorzunehmen. Der einzelne muß immer erst mit dem Lebensschicksal zusammenprallen (oft in Form eines Lebenspartners und in Form von Paarbeziehungen), um tiefer unter der Oberfläche des bislang für gut gehaltenen der eigenen Persönlichkeit auf Dinge zu stoßen, die nicht zu seinem bisherigen Selbstbild passen.

Ein Besuch des Bremer Überseemuseums könnte da derzeit vielleicht Erkenntnisprozesse beschleunigen. (Spektr. d. Wiss.) Dort gibt es eine Ausstellung unter dem Titel "All about Evil" - also: "Alles, was über das Schlechte/Boshafte in der Welt gesagt werden kann". Die Völker und Kulturen der Welt haben ein umfassendes und differenziertes Wissen nicht nur über das Gute am Menschen und in der Welt, sondern auch über "das Böse" in derselben. Erst wenn man all dieses "Böse" nicht mehr auf sich selbst bezieht, auf die Möglichkeit eigener Bosheit oder boshafter Elemente der Kultur in der eigenen Gesellschaft, verkommt eine solche Ausstellung wie sie derzeit im Übersee-Museum gezeigt wird, zur bloßen Kuriositäten-Sammlung:
Über 500 Exponate aus allen Kontinenten haben die Kuratoren des Völkerkundemuseums zusammengetragen, um einen Einblick in unseren Umgang mit dem Bösen zu geben. Die Ausstellung unterteilt sich dabei in drei Bereiche: Woher kommt das Böse? Welches Gesicht hat es? Und wie gehen wir damit um? Die Zeitspanne der Antworten reicht vom frühen Altägypten bis in unsere Zeit.

(...) "Uns war wichtig, dass die Menschen sich mit dem Bösen auseinander setzen", erklärt Kuratorin Silke Seybold die Intention. Gleichzeitig sollte die Ausstellung aber nicht zu schwer werden, betont sie: "Wir wollten die Besucher generationenübergreifend ansprechen".
Journalistin Tanja Krämer zeigt Kritikwürdiges bezüglich der Ausstellung auf (Hervorhebung I.B.):
Kein Hinweis auf die Frage, wie das Böse im realen Leben in die Welt kommt, keine Auseinandersetzung mit den Facetten menschlicher Bösartigkeit findet sich zwischen all den Masken, Puppen und Filmmitschnitten. Auch im umfangreichen Begleitprogramm zur Ausstellung werden die wirklich erschreckenden Aspekte des Bösen, werden Krieg, Satanismus oder Hexenverfolgung nicht thematisiert.
Die Verharmlosung des Bösen, seine "Hollywood-isierung" ist wahrscheinlich schon selbst die größte Boshaftigkeit in unserer Zeit. Sich selbst und andere belügen oder Dinge beschönigen ist an sich selbst schon boshaft. Insofern war die Ausstellung "Bilder, die lügen", die vor einigen Jahren an vielen Orten in Deutschland gezeigt wurde, ebenfalls eine Ausstellung zur Thematik, vielleicht eine, die Tanja Krämer - und manchen anderen - in diesem Zusammenhang eher befriedigt hätte.

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