Dienstag, 16. Oktober 2007

Eugenik: Das Beispiel Israel heute

Abb. 1: Israelische Fahne
Fotograf: Zachi Evenor (Wiki)
In einem Zeitungsbericht (Zeit) erfährt man viel Neues über die Hochwertung von Kinderreichtum und über den Umgang mit Pränatal-Diagnostik und Unfruchtbarkeit in Israel. Viele Gedanken, die durch das Denken und Handeln während des Dritten Reiches in Deutschland diskreditiert sind, werden in Israel ausdrücklich und betont praktiziert. Es wird mit diesem Beispiel vielleicht sehr prägnant aufgezeigt, dass jeder Staat, jede Kultur, jedes Volk durch die in ihm vorherrschenden Normen und Werte sich sein eigenes eugenisches oder dysgenisches "Programm" gestaltet. Und zwar mal mehr, mal weniger bewusst. Und wahrscheinlich war das auf die eine oder andere Weise immer schon in der Menschheits-Geschichte so. Aber hier nun einige Auszüge:
Die hohe Zahl der Geburten soll das Überleben einer Nation garantieren. (...) Orthodoxe Familien bekommen im Schnitt acht bis neun Kinder, nicht selten auch mehr. (...) "Seid fruchtbar und mehret euch" (...). Für orthodoxe Gläubige ist er die erste Mitzwa: das höchste Gebot. (...)

Israel hält den Weltrekord an Gentests vor oder während der Schwangerschaft - 14 sind bei nichtorthodoxen Frauen üblich. Selbst kleinere Abweichungen von der Norm führen häufig zur Abtreibung, mitunter genügt eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, die im Ultraschall auffällt. (...)

Nach einer vergleichenden Untersuchung aus den neunziger Jahren fanden es zwei Drittel der israelischen Humangenetiker unverantwortlich, wissentlich ein Kind mit schweren Erbschäden zur Welt zu bringen. Nur acht Prozent der deutschen Kollegen teilten diese Ansicht. (...) In der Bundesrepublik ist der Begriff "Eugenik" hoch belastet. In Israel ist er es nicht. (...)

Die PID, in anderen Ländern verboten oder nur bei schweren Erbkrankheiten erlaubt, setzt Dor auch ein, um taube oder blinde Embryonen zu erkennen. Demnächst will er die vorgeburtliche Diagnostik auf das BRCA-Gen ausdehnen – die Trägerinnen werden vielleicht als Erwachsene an Brustkrebs erkranken. (...)

Freiwillige Kinderlosigkeit existiert in Israel so gut wie nicht. "Single zu sein ist schon schwierig in Israel (...) aber keine Kinder zu haben, das ist, als wäre man ein spinnerter Sonderling." (...)

Beispielsweise praktiziert Israel ein Bevölkerungsscreening, das so ausgefeilt ist wie nirgendwo auf der Welt: Eine Frau im fortpflanzungsfähigen Alter wird auf versteckte Erbkrankheiten untersucht, bei positivem Befund auch ihr Mann, und falls beide Träger eines bestimmten Gens sind, wird später auch der Embryo oder Fötus gescreent, weil er ein Risiko hätte zu erkranken. Die israelische Vereinigung der Humangenetiker empfiehlt für bestimmte Gruppen der Bevölkerung 14 verschiedene Tests. Gefahndet wird etwa nach dem Tay-Sachs-Syndrom, einer unter osteuropäischen Juden vermehrt auftretenden genetischen Störung, die im Kleinkindalter zum Tod führt; aber auch nach der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose, bei der Neugeborene heute eine Lebenserwartung von bis zu 50 Jahren haben. Rund ein Dutzend weiterer Tests werden zwar nicht empfohlen, aber praktiziert. In Deutschland gibt es noch kein Bevölkerungsscreening auf genetisch bedingte Erkrankungen. (...)

Im Zentralcomputer von Dor Yeshorim sind genetische Daten von mehr als 200000 orthodoxen Juden aus Israel, den USA und Europa gespeichert. Die Organisation wurde in den achtziger Jahren von dem New Yorker Rabbiner Joseph Ekstein gegründet, der vier seiner zehn Kinder durch das Tay-Sachs-Syndrom verloren hatte. Bereits mit 17 Jahren liefern junge Orthodoxe der Einrichtung ihre Blutproben und lassen sie auf versteckte genetische Krankheiten testen; sie zahlen dafür einen durch private Spenden subventionierten Preis von bis zu 200 Dollar. Zehn Tests sind derzeit üblich, etwa auf Tay-Sachs oder das Gaucher-Syndrom.

Jeder Teilnehmer bekommt eine mehrstellige Codenummer mitgeteilt. Wenn zwei Kandidaten von den Eltern für die arrangierte Hochzeit ausgesucht wurden, wählen sie die Brooklyner Nummer, geben ihre Codes durch und erfahren, ob sie vom Erbgut her zueinanderpassen. Lautet die Antwort "genetisch kompatibel", können sie sich näher kennenlernen und sehen, ob sie sich auch sympathisch sind. Falls aber ihrem Nachwuchs genetische Probleme drohen, verzichten die Aspiranten auf weitere Kontakte.

"Niemand würde auf die Idee kommen, keine Kinder haben zu wollen oder schwerstkranke Kinder in Kauf zu nehmen", sagt die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack, die am Londoner King’s College lehrt. Dabei erfahren weder die Betroffenen noch ihre Angehörigen zu irgendeinem Zeitpunkt das individuelle Genprofil. "Dadurch wird Stigmatisierung verhindert, wie es die jüdische Religion gebietet", so Prainsack.

Dor Yeshorim erfasst nach eigenen Angaben 90 Prozent der streng orthodoxen Juden. (...)

Anders als in Deutschland ging Eugenik in Israel allerdings nie mit staatlichem Zwang einher. (...)

Behindertes Leben werde in Deutschland glorifiziert, sagt Hashiloni-Dolev, hingegen gelte es in der säkularen Tel Aviver Gesellschaft als verrückt, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen.
Viel sehr Extremes auf diesem Gebiet in Israel stößt einen ab. Anderes wiederum erscheint nachdenkenswert. Auf einer Tagung in Berlin im November will die "Evangelische Akademie" wie im Artikel berichtet wird, ebenfalls Neues zu der Thematik lernen.

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