Mittwoch, 4. Juli 2007

Ein blonder Haufen Elend

Ich weiß nicht, woher der Mann kam. Man kann sich auch kaum eine andere Zukunft für diesen Mann vorstellen als jene Gegenwart, in der man ihn kennengelernt hat. Er war ein Haufen Elend. Ein blonder Haufen Elend. Er hatte - mit ganz schwacher, krächzender Stimme - nach Hilfe gerufen. Unter der Autobahnbrücke, unter der ich beim Spazierengehen oft durchkomme. Ich wollte es erst überhören und sagte mir, da rufen Leute dumm herum. Aber nein, es war ein Mensch, der nach Hilfe rief. Ein einzelner. Da kann man nicht vorbei gehen. Dann lag er da neben einem Autobahn-Beton-Pfeiler auf zwei Spanplatten als Unterlage, eine schmutzige Decke über sich, daneben eine Plastiktüte. Er krächzte fast unverständlich, er brauche einen Arzt, einen Notarzt. Krank und elend sah er aus, ohne Zweifel. Es ging ihm schlecht. Was er hatte, wußte ich nicht.

Angehaltene Passanten riefen mit einem Handy dann endlich einen Notarztwagen. Die Leute, die dann um den Mann herumstanden, als wir auf den Notarztwagen warteten, redeten nicht - sehr - gut mit ihm. Alles gut situierte Leute - von außen her gesehen. Aber siehst du sie mit einem Obdachlosen reden, blickst du plötzlich hinter etwas, was du gar nicht geahnt hattest. Ich hab mich nicht wohlgefühlt mit diesen Leuten. Sie sprachen ihn mit du an. Und im herabsetzendsten Ton. Als würden sie ihn schon ewig lang kennen. Als wäre "jeder" Obdachlose gleich.

Ich wußte nicht mehr über ihn als sie. Aber er war ein Mensch. Er war mir - gar nicht so unsymathisch. Er antwortete bescheiden. Ich hatte ihn gefragt: Leben Sie hier in Frankfurt. Er antwortete: Nein, ich bin obdachlos. Ich fragte ihn, ob er Familie habe, Angehörige, Kinder, eine Frau. Auf jede Frage: Nein. Nein. Nein. Ich fragte ihn, ob er Freunde hier in Frankfurt habe. Da antwortete er außergewöhnlich aggressiv. Aber was er sagte, verstand ich nicht. Offensichtlich hatte er keine.

Eine Unfall-Krankenschwester, die auch des Weges kam, untersuchte ihn und nahm es nicht so tragisch. Er hätte wohl ein paar Rippen gebrochen (- - - verstand ich sie richtig?!) und er müsse den Ärzten sagen, daß er ein Medikament gegen seine Krämpfe brauche. Ja, er hatte wiederkehrende Schmerzen, das sah man.

Endlich kam der Krankenwagen. Puh, ich atmete auf. Die beiden Jungs redeten ordentlich mit ihm. Endlich. Tadellos. Nicht der leiseste herabsetzende Unterton. Nicht die leiseste Verachtung. Verstanden haben sie nicht viel von dem, was er sagte. Ich erzählte ihnen, was die Unfall-Krankenschwester gesagt hatte, die schon weitergegangen war, und sie sagten: Ok, wir nehmen ihn mit.

Ich weiß nicht, woher der Mann kam. Und ob seine Zukunft anders sein wird als seine Gegenwart - das ist kaum zu glauben. Aber es ist merkwürdig, wenn man auf einen Menschen trifft, der so unmittelbar Hilfe von einem braucht.


(Das ist die Autobahnbrücke)

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