Donnerstag, 21. Juni 2007

Meine Mutter - Jahrgang 1941

Die Gedanken des vorigen Beitrages hatten ihren Ausgang, stehen in Zusammenhang mit den folgenden Gedanken, auf die man im Rahmen des Studiums der familienpolitischen Literatur kommt:

Meine Mutter (geboren 1941) hatte vier Kinder, das älteste 1966 geboren, die beiden jüngsten (Zwillinge) 1972. Und sie war bis die beiden jüngsten Töchter etwa 16 Jahre alt waren, Vollzeit-Hausfrau. Wenn ich mir die "Stimmung" ansehe, die es heute gegenüber einem solchen Lebensmodell in unserer Gesellschaft gibt, dann frage ich mich, wie das zu der tiefen und grundlegenden Selbstverständlichkeit paßt, mit der ich als Kind - und im Grunde alle Menschen meiner und früherer Generationen - ein solches Lebensmodell erlebt und hingenommen haben. Ich kann mich nicht erinnern, daß es irgend jemanden gab, der meine Mutter als "faul" angesehen hätte. Nicht in der Nachbarschaft, nicht im Dorf, nirgends. Nicht im geringsten.

Man muß das Erleben eines solchen mütterlichen Lebensmodells als Kind ja heute geradezu als einen unermeßlichen Luxus bezeichnen. Und wer sich heutige Debatten anschaut, der glaubt zu hören, daß sich unsere Gesellschaft einen solchen Luxus nicht mehr leisten könne. Die Alternativen zu einem solchen Lebensmodell sind oft so ärmlich (siehe unter anderem voriger Beitrag), daß ich sie mir an dieser Stelle gar nicht genauer anschauen möchte. Ich frage mich aber nun: Was hat meine Mutter eigentlich den ganzen Tag gemacht? Geradezu eine obszöne Frage. Ich wiederhole: Niemand hat sie als faul empfunden.

In Familienalben haben wir viele Fotos, wo meine Mutter im Garten steht mit einem Laubrechen in der Hand, die Kinder um sich herum. Wenn also die Hausarbeit fertig war, hat sie Gartenarbeit gemacht. Was Schöneres kann man sich ja doch für Kinder gar nicht vorstellen. Im Winter hat sie den VW-Bus voller Dorfkinder gepackt und ist zu einer weiter entfernten Schlitten-Rodel-Bahn mit uns gefahren oder zu einem weiter entfernten zugefrorenen See zum Schlittschuh-Laufen. Im Sommer ins Schwimmbad. Überhaupt haben ja Eltern viele Fahrten zu organisieren, um Kinder zu Musik-Unterricht und anderen Freizeit-Veranstaltungen zu bringen.

Aber jetzt frage ich mich weiter: Was hat meine Mutter gemacht, als meine jüngsten Schwestern 12 Jahre alt waren? Damals war ich 18 und meine dritte Schwester 16. Nun, die Hausarbeit war zu jenem Zeitpunkt gewiß noch nicht weniger geworden dadurch, daß wir älter geworden waren. Vielleicht hätte sie uns zu dieser mehr heranziehen können. Das fällt ihr noch heute schwer. Ok. Geschenkt.

Dabei haben sogar erst drei Großelternteile im Haus mitgelebt (ab 1979 nur noch zwei, ab 1984 nur noch eines), die auf uns Kinder hätten aufpassen können, wenn meine Mutter hätte arbeiten gehen wollen. Auf diese Idee ist niemand gekommen. Meine Mutter hat Buchhalterin gelernt, wo sie noch als schwangere Frau in verrauchten Büros sitzen mußte (darauf führe ich mein heutiges chronisches Asthma zu nicht geringen Teilen zurück). Was hätte sie in diesen Beruf zurückziehen sollen? Ich wüßte es wahrlich nicht.

Aber jetzt das folgende: Als meine jüngsten Schwestern 16 waren, gab es starke berufliche Veränderungen im Familienbetrieb meines Vaters und meine Mutter ersetzte die bis dahin dort angestellte Sekretärin. Die Arbeitszeit war keine acht Stunden, da die Umstellung sehr schwierig war. Sie ging oft bis tief in die Nacht hinein. Für meine Schwestern kochte nun die Großmutter. In der Erinnerung meiner Schwestern schwingt immer sehr viel Unzufriedenheit mit, wenn sie an diese Zeiten erinnert werden. Mit der Großmutter kamen sie nicht gut aus. Immer Streit. - Aber noch einmal: War das alles ein zu großer Luxus, der Kindern nicht zusteht? Eine Mutter zu haben, die das Mittagessen kocht, wenn man von der Schule nach Hause kommt?

So unerheblich sind all solche Fragen nicht, wenn heute von "Weghalteprämien vom Arbeitsmarkt" ausgerechnet zu einem Zeitpunkt die Rede ist, an dem zum ersten mal Forderungen konkreter werden dahingehend, daß eine solche Tätigkeit wie die meiner Mutter - natürlich - wie jede produktive Tätigkeit in unserer Gesellschaft gerecht entlohnt werden müsse.

Jetzt entgegnet man mir vielleicht: Eine Mutter mit vier Kindern ist heute nicht mehr Standard. Darauf sage ich: Wenn man familienpolitisch nicht kinderreiche Familien in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Raisenoments stellt, ist es völlig unrealistisch, von irgend welchen Maßnahmen eine Erhöhung der Geburtenrate zu erwarten. Denn es ist vor allem der zahlenmäßige Rückgang von kinderreichen Familien, der die Geburtenrate so stark hat absinken lassen. Meine Mutter ist also per se das "Standardmodell". Es ist geradezu lächerlich, familienpolitisch kindearme Familien in den Mittelpunkt des Raisonements zu stellen. Für diese finden sich auch gerechte Lösungen, wenn für die kinderreichen Familien die gerechte Lösung gefunden ist. Auch kinderarme Familien profitieren erfahrungsgemäß sehr stark von kinderreichen Familien und ihren psychologischen und motivationalen Ressourcen (Stichwort: Einzelkinder).

Zweifellos hätte man von meiner Mutter "verlangen" können, sich einen "Zusatzverdienst" zu suchen, wenn sie jeden Einkommensverlust hätte vermeiden wollen, den sie durch das Aufziehen von Kindern gegenüber Kinderlosen hatte. Doch welcher Zusatzverdienst wäre da gerechterweise zu verlangen (gewesen)? Meine Mutter hat später von sich aus alle 14 Tage im Familienbetrieb einen sicherlich 12-stündigen Arbeitstag eingelegt. Dadurch kam sie mal raus, unter Leute, das hat sie sehr gern gemacht. Ich würde derzeit so sagen: Sicherlich kann man von einer Mutter mit vier Kindern, deren jüngstes Kind nicht mehr in die Grundschule geht, "verlangen", Einkommensverluste in Kauf zu nehmen, wenn sie nicht halbtags arbeiten geht. Ich glaube, so ungefähr wird ein Schuh draus.

Meine drei Schwestern haben inzwischen je selbst vier Kinder und sind Vollzeit-Hausfrauen. Sie bekommen - ebenso wenig wie meine Mutter - eine Erstattung des Einkommensverlustes, den sie durch ihre Hausfrauen-Tätigkeit haben. Statt dessen müssen sie sich von Frau von der Leyen beschimpfen lassen, sie würden die lächerlich geringe Summe an Betreuungsgeld, die derzeit diskutiert wird, zum Zigaretten-Automaten oder in die Kneipe bringen, bzw. sie würden ihre Kinder vor dem Fernseher sitzen lassen. Alles zutiefst beleidigende Worte bei der Höhe des Einkommensverlustes, den diese drei Frauen dafür in Kauf nehmen, daß sie die für die Stabilität dieser Gesellschaft wichtigste Aufgabe übernehmen, nämlich: eigene Kinder aufziehen. Die eine verzichtet derzeit monatlich auf das Gehalt einer biologisch-technischen Assistentin, die zweite auf das Gehalt einer Krankenschwester, die dritte auf das Gehalt einer Gärtnerin. Frau von der Leyen. Das mag Ihnen bei IHREM Gehalt als nicht sehr viel erscheinen.

Wie diese Mißstände über Jahre, Jahre und Jahrzehnte weiter fortgeschleppt werden, ohne daß der Volkszorn hochbrodelt, das ist nur schwer verständlich und wird künftigen Generationen nicht wirklich leicht erklärt werden können.

Im nächsten Beitrag zu dieser Rubrik soll die Leistungsgerechtigkeit für Familien noch genauer zahlenmäßig untersucht werden.

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