Dienstag, 19. Juni 2007

Aufbruch in der Familienpolitik - Die große Tagung des Familiennetzwerks im Mai

Ich habe mir die Tagungsberichte von der Tagung des Familiennetzwerkes im Mai in Frankfurt am Main noch einmal genauer angeschaut. Hier mal einige wichtige, mich überzeugende Passagen, von einer Tagung, die ja doch sehr hochkarätig besetzt war. Wie man über so viele Koryphäen der Wissenschaft so oberflächlich-ideologisch hinweggehen kann, wie das der "Spiegel" tat, ist mir ein Rätsel. Das war nicht nur eine politische, sondern vor allem eine wissenschaftliche Tagung. Und über diese hätte zunächst sachlich wie über jede wissenschaftliche Tagung berichtet werden müssen. Das kann auch der "Spiegel".

Krippenkinder: "Flucht nach innen"

Sir Richard Bowlby betonte (Tagungbericht)

dass Säuglinge und Kleinkinder, die die vertraute Bezugspersonen nicht erreichen können, nach einer Anfangsphase des Protests in einer für dieses Alter typischen Weise mit „Flucht nach innen“ reagierten. Dieses Verhalten entspräche einem „Erstarren und Aufgeben“, von unkundigen Erwachsenen fälschlich interpretiert als „Beruhigung und Gewöhnung“. Dass diese Kinder dennoch unter deutlichem Stress stünden, sei inzwischen beweisbar, und zwar anhand des Stresshormons Cortison, welches im Speichel gemessen werden könne. Kinder in Tagesstätten, so Bowlby, hätten großenteils erhöhte Cortisolwerte, die bei manchen Kindern abends, wenn sie zu Hause sind, wieder absinken, bei anderen aber sogar dauerhaft erhöht bliebe. Wir wissen nicht, so Bowlby, wie sich diese erhöhten Cortisolspiegel auf das sich entwickelnde Gehirn auswirken, da stehe die Forschung noch am Anfang. Es gäbe jedoch absolut keinen Anlass zu sorglosem Umgang, vielmehr müsse die primäre Bindung gesichert werden.

Und schon zuvor hieß es: In Notfallreaktionen würden Babys und Kleinkinder – oft nach anfänglicher Weinens- oder Protestphase – äußerlich ruhig. Erwachsene dächten dann, dass die Babys und Kleinkinder sich beruhigt hätten und ihre neue Umgebung nun akzeptieren würden, aber es handele sich keineswegs um normales Verhalten sondern eher um einen Abschottungsprozess, und ihr Cortisolspiegel sei messbar höher als zu Hause.

Wiederholte Trennung, z.B. wochentäglicher Krippenbesuch, könne sich in subtilen Verhaltensänderungen äußern, aber die viele Eltern und Betreuer bekämen diese entweder nicht mit oder brächten diese nicht mit der Fremdbetreuung in Zusammenhang. Damit aber erkennten Erwachsene nicht, dass die Fremdbetreuung ein signifikanter Risikofaktor sei, welcher die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder später emotionale Probleme entwickeln. Manche Kinder seien dadurch überfordert und entwickelten in der Kindheit und Jugend psychische Probleme, Schwererziehbarkeit und unsoziales Verhalten.

Sir Richard wies auf die Überbewertung kognitiver Prozesse hin: Wir konzentrieren uns sehr stark auf Bildungserfolge und sind in Gefahr, das emotionale Wohlbefinden und von Babys und Kleinkindern aus den Augen zu verlieren. (...)

Eine große Gesellschaftsrevolution wird benötigt

Anna Wahlgren beklagt, Eltern besuchten heute Kinder in deren Welt, wenn sie gerade Zeit und Lust dazu hätten anstatt die Kinder schrittweise in ihre Welt mitzunehmen, wenn Kinder sich bereit dazu fühlten und Interesse daran zeigten.

Anna Wahlgren schilderte dem entzückten Publikum ein konkretes Beispiel, die Geschichte einen kleinen unglücklich in seinen teuren Spielsachen quengelnden Knirpses, den seine Mutter, weil sie gerade das Mittagessen kocht, neben dem Herd auf die Arbeitsplatte setzt und ihm eine Wurst in die Hand drückt, so dass er sie in die Pfanne plumpsen lassen kann. Der Kleine strahlt in stolzer Gewissheit, seiner Mutter beim Kochen eine unentbehrliche Hilfe gewesen zu sein, um dann - nach getaner Arbeit in seiner Freizeit (!) – zufrieden zu seinem Spielzeug zurückzukehren. Der spontane Applaus zeigte, dass dieses Beispiel verstanden worden war.

Anschließend wurde Wahlgren wieder ernst. Sie bezeichnete Kindertagesstätten als "Kinderparkplätze" und forderte eine „große Gesellschaftsrevolution“, die Arbeit müsse wieder in die Familien zurückkehren, damit Kinder sich als wertvolle und nützliche Mitglieder der Gemeinschaft und ihr Dasein als sinnhaft erleben könnten. (...)

Gordon Neufeld aus Kanada. Der kanadische Entwicklungspsychologe, selbst 5facher Vater und 3facher Großvater, arbeitet seit über dreißig Jahren mit Kindern und den für sie verantwortlichen Erwachsenen. Neufeld ist vor allem durch seine bahnbrechenden Einsichten über Bindung und Aggression bekannt geworden, und sein Modell der kindlichen Entwicklung hilft weltweit Eltern und professionell mit Kindern Tätigen weiter. (...)

Gordon bediente sich deutlicher Worte: (...) Erziehung durch eine Fremde, z.B. einer Tageskrippenerzieherin, sei eine Verletzung der kindlichen Intimsphäre – ein unzulässiger Übergriff. (...) Prof. Johannes Pechstein aus Mainz sprach von der „Bundeskrippenministerin“.

Teilnehmer fühlten sich an die Anfänge der Grünen erinnert

Und der Tagungsbericht schließt mit den Worten: Mancher Ältere fühlte sich an die Anfänge der Grünen erinnert, die just hier, in der Johann-Goethe-Universität, einst als kleine Ansammlung Unbeugsamer gestartet waren. Anfangs belächelt, dann bekämpft, hätten sie schließlich zu entscheidenden Veränderungen in der Politik aller Parteien beigetragen. Dem Familiennetzwerk könnte, man wünscht es den Kindern und Eltern, ein ähnlicher Weg bevorstehen.

Einem weiteren Tagungsbericht entnehmen wir: Anna Wahlgreen ist überzeugt: Große und kleine Menschen brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, eine Aufgabe zu haben, einen Beitrag leisten zu wollen für andere. "Wir aber haben eine Gesellschaft aufgebaut, die Kinder nicht braucht und ihren Beitrag nicht haben möchte. (...)

"Anstatt unsere Kinder in unsere Welt mit ein zu beziehen, besuchen wir sie hin und wieder in ihrer Welt, falls oder wenn wir gerade mal Zeit dazu haben." Wahlgreen beschreibt, wie glücklich das Kleinkind ist, wenn es Mama mithelfen darf in der Küche. Wie wenig es sich interessiert für sein Spielzeug, wenn Papa den Rasen mäht oder Mama die Fenster putzt. Sie plädiert dafür, Kinder zu Hause mehr mit ein zu beziehen in alle Arbeitsabläufe, sie nicht überzubetreuen und "zu Tode zu schonen".

Zusammenfassend postulierte Anna Wahlgreen, dass eine wirkliche Revolution unserer Gesellschaft die Frauen nicht vor die Alternative stellen würde entweder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen oder zu Hause zu bleiben, sondern die Arbeit wieder an die ganze Familie nach Hause zurückzugeben.

"Ihr Kind hat Sie heute 20 mal gebraucht ..."

Eva Herrman sprach über den verbreiteten Satz, den Eltern, die beide außer Haus arbeiten gehen, oft anführen: "Es kommt auf die Qualität der Beziehung an, nicht auf die Quantität". Sie habe oft darüber nachgedacht, wo hier der Denkfehler liege. In einer Talkshow zusammen mit Christa Meves und einer jungen Unternehmerin mit Kind habe sie dann die Antwort bekommen: Die junge Unternehmerin habe genau diesen Satz angeführt, um zu erklären, warum sie den ganzen Tag in ihrem Unternehmen arbeiten kann und es abends voll auf genüge noch ein zwei gute Stunden mit dem Baby zu verbringen. Christa Meves habe damals versucht, den Blickwinkel einmal auf das Erlebnis des Kindes zu verändern. "Ihr Kind hat sie heute mindestens 20 mal gebraucht während des Tages und sie waren nicht da. Und jetzt soll es sich plötzlich freuen auf seine Mutter, die ihm jetzt die ganze Liebe des Tages überstülpen möchte, die sie jetzt für es übrig hat. Vielleicht hat das Baby gerade gar keine Lust auf Mutter, vielleicht spielt es gerade oder ist böse, weil Mutter nicht da war." Eva Herrmann: "Es gibt keine Qualitätsbeziehung ohne dass Mutter und Kind viel Zeit miteinander verbringen."

Meiner Meinung nach könnte hier überall auch noch mal ein bischen mehr über Männer und Väter die Rede sein. Aber sei's drum. Das renkt sich von selbst ein.

Gefühle können aussterben (weibliche) oder abgedämpft werden (kindliche)

damit Engagiert meinte Frau Herrman: Es seien nicht die demographischen Erwägungen, die ihr Angst machten, wenn Frauen sich gegen Kinder entscheiden. Was ihr Angst mache sei, dassbald die weiblichen Gefühle aussterben. Schwangerschaft und Geburt lösten in Frauen viele neue Gefühle aus, bewirkten Weiblichkeit. "Wenn immer mehr Frauen sich gegen Kinder entscheiden, sterben auch die weiblichen Gefühle wie trösten, helfen, fördern, usw. mit der Zeit aus." (...)

Bolwby berichtete von weiteren wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen hinsichtlich der emotionalen Entwicklung beim Kleinkind: Trennungsschmerz löse beim Kleinkind Stress aus. Das könne inzwischen nachgewiesen werden durch einen erhöhten Cortisolspiegel, das Hormon, das bei Stress ausgeschüttet wird. Normalerweise habe jeder Mensch morgens einen hohen Cortisolspiegel, der über den Tag kontinuierlich abnehme. Bei Babys, die abgegeben werden, und die diese Trennung nun verarbeiten müssten, bliebe der Cortisolspiegel - durch einen Speicheltest heute leicht nachzuweisen – dauerhaft hoch. Wenn das Gehirn sich nun an diesen dauernd hochbleibenden Spiegel gewöhnt, nähme dadurch die Steuerungsfähigkeit der Emotionen des Kind immer mehr ab. Kurz könne man das so ausdrücken: Mama weg – Gehirn meldet: Gefahr, Angst (Cortisolspiegel bleibt hoch) - Antwort auf Angst ist entweder Kampf oder Flucht. Beide Möglichkeiten sind dem Baby verwehrt. Um mit der Situation zurecht zu kommen könne es nur versuchen, seine normale Gefühlswelt zu dämpfen. (...)

Die bei der Tagung anwesenden Fachleute waren sich hinsichtlich eventuell notwendiger Fremdbetreuung einig. Allen voran Steve Biddulph, in Deutschland als Buchautor bekannt, brachte es zum Ausdruck: Am ehesten erträgt es ein Kind, wenn es weg von der Mutter ist, stundenweise (nicht ganztags) bei einer Person zu sein, die von Geburt an eine Beziehung zu ihm hat (Großeltern, Nachbarin, ...) und ihm viel Aufmerksamkeit zukommen lässt. (...)

Schaffung einer allgemein verbreiteten Volksmeinung, dass Kinder klasse sind

Prof. Dr. med. Johannes Pechsten, Kinderarzt und Kinderpsychiater, führend in der Forschung zur frühkindlichen Entwicklung brachte es auf den Punkt: "Wir haben unsere Kinder nicht geboren, damit andere sie großziehen und seien diese anderen noch so lieb".

Pechstein forderte: Anstatt viel Geld in die Neuschaffung Tausender von Krippenplätzen zu investieren, (...) sei das Geld besser investiert in:

- einen familiengerechten Lastenausgleich und die Anerkennung der häuslichen Erziehungsarbeit woraus rentenfähige Leistungen für Mütter erstehen

- differenzierte Mütterakademien zu einer qualitativ guten und schnellen Wiedereingliederung in den Beruf nach den Jahren, die die Mutter bewusst zu Hause bei den Kindern verbringt

- Schluss mit der Panikmache, dass Mütter später sowieso nie mehr in ihren Beruf hinein kommen könnten.

- Die Schaffung einer allgemein verbreiteten Volksmeinung, dass Kinder klasse sind und Familien alle Unterstützung bekommen, um nach ihrer inneren Stimme und Regungen entscheiden zu können. (...)


Auch hier spricht mir Pechstein zu wenig von Vätern. Kann man das nicht "Eltern-Akademien" nennen? Aber ansonsten: Volle Zustimmung.

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