Montag, 7. Mai 2007

"Atombunkerspannung" - Erinnerungen an einen bedeutenden Gegner von Atombewaffnung

Von all den Nachrufen, die ich über den Atomphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker in letzter Zeit gelesen habe, der mit 93 Jahren gestorben ist, wird mir wohl nur einer im Gedächtnis bleiben. Denn in ihm erfahre ich zum ersten mal vieles wirklich Anrührende zu Carl Friedrich von Weizsäcker. Ich selbst hatte Weizsäcker bisher - ehrlich gesagt! - immer nur als einen wissenschaftlich und philosophisch eher "unbedeutenderen" Schüler von Werner Heisenberg angesehen. Aber ich selbst bin ja auch kein Physiker. Als solcher sieht man das - offenbar - ganz anders. Und ich danke Reinhard Breuer, Chefredakteur von "Spektrum der Wissenschaft", daß er da - durch Berichten eigener Erlebnisse - mein Weltbild etwas hat ändern können. (Spektrum) Auch ich saß vor mehr als zehn Jahren einmal in einem "gerammelt vollen Hörsaal", in dem der alten Weizsäcker sprach. Aber auch das hatte mich nicht so beeindruckten können wie einen Breuer, der tiefer in der Physik selbst steckte, die Weizsäcker gemacht hat, als jemand wie ich.

Breuers Kollege Richard Zinken, ebenfalls Physiker und Redakteur bei "Spektrum", führt den Nachruf im Newsletter folgendermaßen ein:

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ehrfurcht zählt nicht zu meinen gängigen Gefühlen.
Wenn er aber - dessen Familie das Almhaus unseres Urlaubsgasthofs in Osttirol gepachtet hat - zu uns herunter stieg, um Post und Zeitung zu holen, dann empfand ich immer genau dies: Ehrfurcht.
Jetzt ist Carl Friedrich von Weizsäcker tot - und die Ehrfurcht vor diesem Großem bleibt.

Mein Kollege Reinhard Breuer erinnert an den Universalgelehrten.

Es denkt an ihn -
mit Gruß

Richard Zinken

Hier nur ein typischer Auszug aus den Erinnerungen Breuers:

... Mitte der 1970er Jahre, Weizsäcker leitete inzwischen das von ihm und Jürgen Habermas in Starnberg aufgebaute MPI zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, kam er einmal nach Garching, um über Friedenforschung, den Ost-West-Konflikt und die Gefahren eines Atomkriegs zu sprechen – also über die von ihm selbst so genannte „Weltinnenpolitik“. Der Physiker war gerade in heftige öffentliche Kritik geraten, weil er sich in sein Haus einen Atombunker hatte einbauen lassen.

Der riesige Hörsaal war gerammelt voll, jemand hängte dem Redner das obligate Mikrofon um, das erwartungsfrohe Gemurmel erstarb zugunsten einer gespannten Erwartung. Mehrere Sekunden breitete sich wie vor dem Beginn eines Konzerts eine Stille aus, die drohte, peinlich zu werden. Da krähte ein mir bekannter Max-Planck-Direktor von weiter hinten: „Wir können Sie nicht hören!“ Wie aus der Pistole geschossen erwiderte darauf Weizsäcker laut und deutlich: „Ich habe ja auch noch nichts gesagt!“ Der Hörsaal explodierte förmlich vor Gelächter. Damit hatte der Redner kritisch eingestellte Zuhörer spontan für sich eingenommen, und jede Atombunkerspannung war wie weggeblasen. Dann erläuterte Weizsäcker ruhig und nachvollziehbar seine Gründe zum Einbau eines Atombunkers in seinen Keller: Vermutlich sei er nutzlos; aber falls der Fallout weniger total und vernichtend über das Land komme als technisch möglich und natürlich nicht ausgeschlossen, dann könnte ein Bunker die Überlebenschancen doch ein wenig verbessern. ...

Und Leserbrief-Schreiber Helmut Hansen (Hamburg) weiß unter dem Titel "Wagnis zur Metaphysik" auch noch Interessantes zu berichten:

Ich kann mich erinnern, mich mit einer Studie über Metaphysik als Wissenschaft an ihn gewandt zu haben. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, einen Brief von diesem großen Physiker zu erhalten. Metaphysik ist für einen Physiker in etwa das, was für den Teufel das Weihwasser. Man meidet es, wo man kann...
Doch erhielt ich einen Brief - und mehr noch: Er hat mich sogar ermuntert, mich an zwei ihm bekannte "jüngere" Professoren zu wenden - mit dem Hinweis, dass er das empfohlen habe.
Bezeichnenderweise sollte ich dann von diesen jüngeren Professoren nicht das Geringste hören - trotz seiner Empfehlung.
Heute weiss ich, dass er - ebenso wie Einstein, der in einem Gespräch mit dem Physiker Arnold Sommerfeld behauptet hatte, alle Physik sei letztendlich Metaphysik - einer letzten Metaphysiker unserer Zeit war. Und wer seine Schriften kennt, kennt auch die sensiblen Stellen, in denen er dies ausdrücklich erklärt.

Ich war tief berührt, dass die Medien, selbst so gehobene Sendungen wie die 3sat-Sendung 'Kulturzeit' mit einem lauwarmen Beitragüber diesen Universalgelehrten hinweg gegangen sind. Diesen Beitrag hätten sich die Macher dieser Sendung auch ebenso gut schenken können.

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