Donnerstag, 22. März 2007

Verhindert Wissenschaft das Verstehen der Welt?

Die "Zeit" gibt uns Auskunft darüber, wie der moderne Ungläubige, der moderne Atheist ist oder zu sein hat. Der Atheist ist für sie ein polynesischer Segler, der neues Land ins Ungewisse hinein sucht. Hören wir, wie konsequent dieser Vergleich durchgehalten wird:

"... Nun sind auch Atheisten nur Menschen, weshalb sich etliche von ihnen den irdischen Autoritäten in die Arme werfen." - Halt! Zwischenfrage: "Irdische Autoritäten"? Was für andere Autoritäten könnte es denn geben für einen Ungläubigen, einen Atheisten als irdische? Aber weiter: "No Heaven – No Hell – Just Science lautete die Titelzeile des amerikanischen Magazins Wired, mit der es kürzlich eine Geschichte über die »Neuen Atheisten« ankündigte. Dabei handelt es sich um angesehene Naturwissenschaftler und Philosophen, die dieser Tage im angelsächsischen Raum einigen Wirbel machen und die Welt davon überzeugen wollen, dass die Existenz Gottes eine widerlegte Hypothese sei und ihr daher mitnichten Respekt gebühre. Ob den Neuen Atheisten der negative Gottesbeweis gelungen sei, darüber ließe sich unter Unglaubensbrüdern streiten," (wie wahr!) "unangenehm jedenfalls fällt an dieser Propaganda der penetrante Weihrauch der Wissenschaftsanbetung auf. Die aber hat der rechte Atheist nicht nötig. Sie verhindert geradezu das Verstehen der Welt. Ein schlechter Polynesier, der glaubte, die Betrachtung der Himmelslichter, der Winde, Wellen und Lebewesen garantiere ihm sichere Überfahrt!"

Liest man hier irgend etwas verkehrt? Versteht man hier irgend etwas falsch? Wissenschaft verhindert das Verstehen der Welt? Und was ist es dann, was das Verstehen der Welt fördert? Wird an keiner Stelle gesagt! Und weiter: Man entschuldige! - "Ein schlechter Polynesier"? Man sollte meinen, daß die heutigen Polynesier Nachfahren jener alten Polynesier sind, die sich so ziemlich am besten mit der "Betrachtung der Himmelslichter, der Winde, Wellen und Lebewesen" auskannten. Oder kann man irgend etwas anderes vermuten? Kopfschüttelnd liest man weiter.

"Der Atheist beispielsweise, der leise lächelnd seinen Gibbon, Ranke oder andere Klassiker liest und die Ausbreitungsgeschichte des Christentums als rein irdischen Vorgang begreifen lernt, sollte daraus lieber Demut ziehen und auch die Wissenschaft als Überzeugungsbildung, Machtkampf und Ideologiestreit betrachten, anstatt sie anzuhimmeln. Schon gar nicht sollte er auf die Idee verfallen, von der Wissenschaft zu verlangen, dem Leben einen Sinn zu geben. Sie handelt vom Sein, nicht vom Sollen."

Eine billige Phrase, die ständig wiederholt wird. Ist sie deshalb schon wahrer? Ich glaube, es wird der gebildeten Öffentlichkeit ziemlich bald schon zum Bewußtsein kommen (oder ist es ihr nicht längst zum Bewußtsein gekommen?), daß dieser alte Spruch von "Sein und Sollen" doch meist gar zu platt, billig und simpel rüber kommt. Tatsächlich ist es doch wohl wirklich viel zu leicht einzusehen, daß ein "gelungenes Leben" (gesellschaftlich-politisch wie privat) sehr viel wahrscheinlicher wird, wenn ich das Sein so umfassend wie möglich berücksichtige, wann auch immer ich zugleich über das Sollen nachdenke, als wenn ich dies nicht tue ... (Im Grunde viel zu trivial dieser Gedanke - ...)

Wie nun? Jeder möchte halt irgendwie originell sein? Gero von Randow von der "Zeit" also nun auf die Weise, daß er nun mal eben so sagt, Wissenschaft würde das Verstehen der Welt verhindern!!! Ist ja auch wirklich neu. Haben wir bisher so noch nicht gehört - es sei denn aus Priester-Mund. (Als hätten übrigens Gibbon, Ranke und andere Klassiker nicht die Wissenschaft benutzt, um die Welt zu verstehen ...) O Sancta simplicitas - heilige Einfalt! Wieder mal jemand, der sich an seiner eigenen Rhetorik berauscht und im Grunde genommen nichts sagt?

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